In der Nacht vom 10. zum 11. Februar diesen Jahres brach über den Bewohnern von Tamatave/Toamasina die Hölle herein. Diese hieß Gezani und hinterließ mindestens 60 Todesopfer sowie ein unvorstellbares Ausmaß an Verwüstungen in der ostmadagassischen Provinzmetropole am Indischen Ozean. Gezani war der wahrscheinlich heftigste, auf alle Fälle aber der zerstörerischste Tropensturm, der Tamatave seit Menschengedenken heimgesucht hat.
Durch die Erwärmung des Indischen Ozeans nehmen die Zyklone (im Atlantik heißen diese Wirbelstürme „Hurrican“, im Pazifik „Taifun“) immer mehr Energie auf – die sich beim Auftreffen auf Land in Form von Orkan-Stürmen und sintflutartigen Niederschlägen entladen. Erstere konzentrieren sich auf eine relativ schmale Schneise von 50 oder 100 Kilometern, während stundenlange Wolkenbrüche auch in weiterer Entfernung noch verheerende Überschwemmungen und Erdrutsche verursachen können. (2018 durfte ich innerhalb von zwei Wochen gleich zwei derartige Zyklone miterleben, beide querten paarhundert Kilometer entfernt die Insel, aber die Regenmassen übertrafen die osterzgebirgischen Hochwassererfahrungen von 2002 bei weitem!).
Gezani traf nun die Halbmillionenstadt Tamatave frontal und mit voller Wucht. Der Sturm riss von 75 % aller Gebäude die Wellblech-Dachdeckungen, machte Bambushütten ebenso platt wie so manche billig gebauten neuen Großgebäude. Die Pracht-Palmen auf dem repräsentativen Unabhängigkeitsplatz wurden zu Mikadostäbchen, wovon es sogar das eine oder andere Foto in die europäischen Zeitungen schaffte. Viel schlimmer aber: Zigtausende Bewohner von Tamatave verloren über Nacht buchstäblich alles, was sie nicht grad am Leibe trugen.
Zu den Betroffenen zählen auch unsere jungen Freunde des „Analasoa Clubs“. Nachdem sie in ihrem Heimatdorf Anjahambe (ca. 100 km nördlich von Tamatave) erfolgreich die Schule abgeschlossen haben, zieht es einige der jugendlichen Partner unserer Altenberger „Madagaskar AG“ zum Studieren in die Provinzhauptstadt. Hier engagieren sie sich als „Analasoa Club Tamatave“ ebenfalls für Umweltprojekte – und unterstützen sich gegenseitig. Zu ihnen gehören Delia und Saniolin, die schon 2018 mit in Altenberg zu Besuch waren, sowie Franco und Estelin, die jetzt im letzten Herbst bei uns waren. Saniolin hatte alle seine Freunde eingeladen, um gemeinsam von unten das Dach des Hauses festzuhalten, in dem er wohnt. In einer unglaublichen Kraftanstrengung mitten in komplett finsterer Orkannacht ist ihnen dies sogar gelungen. Fort war „nur“ der neue Stall mit fast allen seiner Hühner, in die er die Einnahmen aus dem Verkauf seiner Gemälde während des Deutschlandbesuchs investiert hatte. Franco z.B. war hingegen einer derjenigen, der nach dem Durchzug von Gezani nur noch das T-Shirt und die Shorts besaß, die er anhatte. Wertvolle Lehrbücher und wichtige Dokumente – alles weg!
In den Tagen nach der Katastrophe machten sich Saniolin und Cerva (auch sein Haus hatte weitgehend standgehalten) durch die überfluteten Straßen und die herumgewirbelten Schrottberge auf den Weg zu jedem der Freunde des Analasoa-Clubs. Zum Glück alle weitgehend unverletzt. Jedoch kam zu den Zerstörungen und materiellen Verlusten jetzt das Problem des Trinkwasser- und Nahrungsmangels. Die Preise für Lebensmittel schnellten in kaum noch bezahlbare Höhen. Normalerweise liefern bei Notfällen die auf dem Lande lebenden Familien Reis und Früchte zu ihren Verwandten in der Stadt. Doch alle Zufahrtsstraßen waren unpassierbar.
Herausforderungen, Hilfsbereitschaft, Hoffnungsschimmer
Zwei Tage später drangen dann die ersten Lebenszeichen samt Fotos zu uns durch. Natürlich war sofort klar, dass dringend Hilfe in der Not gebraucht wurde. Aber wie diese Nothilfe organisieren?
Wir starteten eine Fundraising-Kampagne über die Plattform GoFundMe (www.gofundme.com/f/hilfe-fur-zerstorungen-nach-zyklon-gezani-in-madagaskar – Großes Dankeschön an Kathrin Damm vom Ranoala-Verein, die das so schnell in die Wege leitete und dann die Geldüberweisungen managte!). Wir waren guter Hoffnung, 1.000 € zusammen zu bekommen. Diese Summe hätte unseren jungen Freunden zumindest über die akute Lebensmittelpreiskrise hinweggeholfen.
Doch die Hilfsbereitschaft, die dann einsetzte, übertraf unsere kühnsten Erwartungen, bei weitem! Bereits nach wenigen Tagen war das ursprünglich definierte „Spendenziel“ überboten. Am Ende kamen nicht 1.000 €, sondern über 11.000 € zusammen, verteilt auf fast hundert Einzelspenden. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an alle Grüne-Blätt’l-Leser, Nutzer von osterzgebirge.org und Grüne-Liga-Unterstützer, die sich an der Nothilfe-Spendenaktion beteiligt haben!
Mit dem Geld konnte inzwischen Baumaterial gekauft und mit dem Wiederaufbau begonnen werden. Ein Teil wurde in kleine Solaranlagen investiert. Und zumindest unsere jungen Freunde müssen in der nach wie vor schweren Lage nicht hungern.
Gemessen am Ausmaß der Zerstörungen und der Zahl der Betroffenen ist diese unsere Spendenaktion sicher kaum mehr als ein Lichtblick. Aber unsere jungen Partner des Analasoa-Clubs in Anjahambe sind längst zu Freunden geworden, und wir sind sehr froh, unseren Freunden in dieser Situation wenigstens materiell über das Schlimmste hinweghelfen zu können.
Von der Katastrophenhilfe zu Zukunftsinvestitionen
Nothilfe nach einer Naturkatastrophe ist wichtig, zweifellos. Mindestens ebenso wichtig sind aber „Investitionen in die Zukunft“ – in die Bildungschancen engagierter junger Menschen, auch und gerade in zerrütteten Ländern wie Madagaskar. 2023/24 gründeten Eltern von ehemaligen Mitgliedern der Altenberger Madagaskar AG die „Analasoa Treuhandstiftung“ mit Sitz in Geising (analasoa.org/analasoa-stiftung). Mit Spendengeldern konnten wir zunächst zwei engagierte junge Frauen aus Anjahambe (Delia und Tridia) mit kleinen Stipendien beim Finanzieren des Studiums in Tamatave unterstützen. Seit Anfang dieses Jahres sind drei weitere Stipendiaten hinzugekommen. Jeder von ihnen erhält pro Monat umgerechnet rund 35 €. Im Normalfall (also ohne Zyklonzerstörungen und extrem teuren Lebensmittelpreisen) deckt diese Summe ein Viertel bis ein Drittel der laufenden Kosten für die Studentinnen und Studenten ab.
Wir würden gern dieses Jahr wieder eine Ausschreibung machen und künftig zwei oder drei zusätzliche junge Menschen aus Anjahambe mit einem Stipendium unterstützen. Dies ist aber nur möglich, wenn die bisherige Spendenbereitschaft anhält … und sich nunmehr wieder dem Spendenkonto der Analasoa Stiftung zuwendet:
Kontoinhaber: Kerstin Hofmann (Treuhänderin)
IBAN: DE62 8505 0300 0221 2863 49 BIC: OSDDDE81XXX
Anders als bei der Kampagne über GoFundMe ist die Analasoa Treuhandstiftung offiziell als gemeinnützig anerkannt und kann Spendenbescheinigungen ausstellen.
Jens Weber
