Natur im Osterzgebirge

FND Bekassinenwiese bei Johnsbach

Foto: Thomas Lochschmidt

Unterschutzstellung: Verordnung des Landratsamtes Sächsische Schweiz-Osterzgebirge zur Festsetzung von Flächennaturdenkmalen, vom 19. Februar 2013

Gemarkung: Johnsbach

Flurstück: 326a (teilweise)

Größe: ca. 1,2 ha

Lage: ca. 1 km westlich von Oberjohnsbach, im Quellbereich des heute namenlosen Baches (alte Bezeichnung: Gründelbach), der im Niederjohnsbach von links in den Dorfbach mündet; 500 m südöstlich befindet sich Reichels Höhe (637 m üNN), 250 m westlich der Bekassinenwiese hingegen das alte FND “Mayenburgwiese” an der Hochwaldstraße (Wasserscheide zwischen Müglitz und Roter Weißeritz); Höhenlage der Bekassinenwiese: 595 m üNN; Der Name “Bekassinenwiese” ist historisch nicht belegt, sondern wurde wahrscheinlich in den 1980er Jahren in Naturschutzkreisen kreiert.

Kurzcharakteristik: Trotz intensiver Meliorationsbemühungen der DDR-Landwirtschaft konnte sich im Einzugsbereich des Gründelbaches ein Quellmoor erhalten, wie es einstmals für viele Bäche im Ost-Erzgebirge typisch gewesen sein muss, heute aber zur Rarität geworden ist. Als Grundgestein liegt unter dem Niedermoorgley (Torfmächtigkeit bis zu 30 cm) basenarmer Quarzporphyr, südlich und östlich unmittelbar angrenzend hingegen der etwas weniger saure Granitporphyr.  Auf den höhergelegenen Bereichen am östlichen Rand sowie bei dem trockeneren Buckel am westlichen Graben sind Podsol-Braunerden ausgebildet.

Die Wiese ist nach allen Seiten von Intensivgrünland bzw. Ackerflächen umgeben. Insbesondere der östlich angrenzende Acker wurde im Verlaufe der letzten 10 Jahre immer weiter zulasten der Bekassinenwiese ausgeweitet. Anbau von erosionsintensiven Kulturen (Mais) und Pflugfurchen in Hangrichtung fördern Erosion und Nährstoffverfrachtung. Am Westrand begrenzt ein in den 1980er Jahren angelegter, tiefer Entwässerungsgraben die Nasswiese. Jenseits davon hat die von den Meliorationsbrigaden beabsichtigte Drainage perfekt funktioniert, genauso wie im eigentlichen Quellgebiet des Gründelbaches, der sich früher südlich anschloss.

Die Bekassinenwiese hingegen bietet heute noch ein abwechslungsreiches Mosaik verschiedener Feucht- und Nasswiesengesellschaften, umgeben von Bergwiesen mit Übergang zu Borstgrasrasen sowie (weniger artenreichen) Frischwiesen. Mit über 70 Gefäßpflanzenarten stellt die Bekassinenwiese eines der wertvollsten Biotope der weiteren Umgebung dar.

Breitblättrige Kuckucksblume und Schmalblättriges Wollgras

Wertbestimmende Arten der Kleinsggenrasen- und Binsensumpfbereiche sind unter anderem Fieberklee Menyanthes trifoliata (sehr großer Bestand im Nordwestzipfel), Breitblättrige Kuckucksblume Dactylorhiza maculata (um 1995 ca. 100 Exemplare, nach langjähriger Biotoppflege inzwischen ca. 3.000) sowie Schmalblättriges Wollgras Eriophorum angustifolium (in großer Zahl). Neben etlichen Seggenarten (v.a. Carex nigra, C. panicea, C. canescens, C. echinata, C. demissa) sowie Binsen (Spitzblütige Binse Juncus acutiflorus, in geringerem Umfang auch Flatter-Binse Juncus effusus) beherrschen folgende Arten den nassen Teil der Bekassienenwiese: Sumpf-Veilchen Viola palustris, Teich-Schachtelhalm Equisetum fluviatile, Kleiner Baldrian Valeriana dioica, Sumpf-Labkraut Galium palustre, Moor-Labkraut Galium uliginosus, Sumpf-Hornklee Lotus uliginosus, Sumpf-Vergissmeinnicht Myosotis scorpioides agg., Sumpf-Dotterblume Caltha palustris, Wolliges Honiggras Holcus lanatus, Gewöhnlicher Gilbweiderich Lysimachia vulgaris, Sumpf-Pippau Crepis paludosa, Kuckucks-Lichtnelke Lychnis flos-cuculi, Acker-Minze Mentha arvensis.

Aus dem ganzjährig hoch anstehenden Grundwasser ragen an wenigen Stellen kleine Trockenbuckel heraus (v.a. im südlichen Teil, in Grabennähe). Hier siedelt eine Pflanzenwelt, die Bergwiesen entspricht, mit Bärwurz Meum athamanticum, Rot-Schwingel Festuca rubra, Kanten-Hartheu Hypericum maculatum, Alantdistel Cirsium heterophyllum und Kleinem Klappertopf Rhinanthus minor. Teilweise verleihen Magerkeitszeiger diesen kleinen Inseln  fragmentarischen Borstgrasrasencharakter: Borstgras Nardus stricta, Drahtschmiele Deschampsia flexuosa, Pillen- und Bleich-Segge Carex pilulifera, C. pallescens, Blutwurz-Fingerkraut Potentilla erecta, Vielblütige Hainsimse Luzula multiflora, Harz-Labkraut Galium saxatile, Ruchgras Anthoxantum odoratum. Eingebettet sind jeweils ein kleines Vorkommen von Arnika Arnica montana und Niedriger Schwarzwurzel Scorzonera humilis.

Die Randbereiche im Osten der Wiese, zwischen Nassbereich und Acker, befinden sich in einem eher schlechten Zustand, bedingt sicher durch die Rinderbeweidung der Flächen sowie Nährstoffeinträge vom angrenzenden Acker. Neben Resten der Bergwiesenflora herrschen hier allgemein verbreitete Wiesen- und Weidenarten vor (darunter etliche Stickstoffzeiger): Rotes Straußgras Agrostis capillaris, Frauenmantel Alchemilla vulgaris agg., Vogel-Wicke Vicia cracca, Weiches Honiggras Holcus mollis, Knaulgras Dactylis glomerata, Wiesen-Fuchsschwanz Alopecurus pratensis.  Als Folge der Beweidung treten außerdem gehäuft auf: Löwenzahn Taraxacum officinale, Weiß-Klee Trifolium repens, Weißes Straußgras Agrostis stolonifera, Gewöhnliches Rispengras Poa trivialis

Die früher von der Bekassinenwiese erwähnten Arten Sonnentau Drosera rotundifolia, Fettkraut Pinguicula vulgaris und Wald-Läusekraut Pedicularis sylvatica sind leider verschwunden.

Pflege: Bis Ende der 1980er Jahre wurde die Fläche mit Rindern beweidet, teilweise mit enormer Trittbelastung. Danach lag sie einige Jahre brach, Binsenteppiche breiteten sich aus. Mitte der 1990er wurde von der Grünen Liga Osterzgebirge die Pflegemahd (zunächst mit einer speziellen Moor-Raupe, dann auch mit Einachsmäher) aufgenommen. Besonders bemerkenswert war der Mahd-Effekt nach dem Winter 1996 mit langanhaltenden, strengen Barfrösten. Überall dort, wo der dichte, isolierende Binsenteppich beseitigt war, drang der Frost tief in den Boden ein und schädigte die (atlantisch verbreitete) Spitzblütige Binse so stark, dass im nachfolgenden Jahr Seggen und Wollgras zu dominieren begannen, wo konkurrenzschwache Arten vorher keine Chance hatten. Im selben Jahr stieg die Zahl der blühenden Orchideen von weniger als 100 auf über 500.

Seit Ende der 1990er Jahre erfolgt die jährliche Mahd durch den Biotoppflegetrupp des Fördervereins für die Natur des Osterzgebirges (jetzige Bezeichnung: Naturbewahrung Osterzgebirge GmbH). Eingesetzt wird in den Randbereichen größere Technik, im besonders nassen Zentrum auch Einachsmäher. Die Entwicklung der so gepflegten Flächen ist durchweg positiv.

In den letzten Jahren hat die Agrargenossenschaft Johnsbach einen immer größeren Teil der Bekassinenwiese für ihre eigenen Fördermittelansprüche reklamiert. Deren Nutzung ist eher ungünstig für den Pflanzenbestand. 2010 erfolgte im südlichen und östlichen Teil Rinderbeweidung.

Für eine langfristig positive Entwicklung der in der Agrarlandschaft ziemlich isolierten Bekassinenwiese wäre die Wiedervernässung der angrenzenden Flächen durch Rückbau der Meliorationseinrichtungen anzustreben.

Beeinträchtigungen: Neben der mangelhaften Pflege des südlichen und östlichen Teils der Bekassinenwiese wirkt sich der östlich angrenzende Acker sehr ungünstig auf das Biotop aus. Die Ackerfläche wurde in den letzten 19 Jahren immer weiter vergrößert. Zum Anbau kam wiederholt auch Mai mit den zu erwartenden Erosionserscheinungen. Verstärkt wird der Eintrag von nährstoffreichem Feinboden durch die stets in Hang-Längsrichtung durchgeführten Ackerbearbeitungen.

Die wiederholt angeregte Umwandlung des Ackers in Grünland wurde von der Agrargenossenschaft ebensowenig umgesetzt wie der angestrebten Anpflanzung einer Schutzhecke stattgegeben.

Schutzbedürftigkeit: In keinem der bestehenden Flächennaturdenkmale des Ost-Erzgebirges gibt es bisher ein Nasswiesenmosaik von vergleichbarer Größe und Ausprägung. Der angestrebte Status als FND soll künftig die Bedeutung der Bekassinenwiese unterstreichen, um sie mitsamt ihrer großen botanischen Vielfalt  mit geeigneten Maßnahmen in Zukunft besser vor Nährstoffeintrag und nicht naturschutzgerechter landwirtschaftlicher Nutzung schützen zu können.

Schutzzweck:

Erhaltung von gefährdeten Biotopen: Kleinseggenried basenarmer Standorte (Rote Liste Sachsen:gefährdet), Binsensumpf (RLS: gefährdet), sonstiges artenreiches Feuchtgrünland (RLS: gefährdet); Bergwiese (RLS: stark gefährdet), Borstgrasrasen (RLS: vom Aussterben bedroht), sonstige extensiv genutzte Frischwiese (RLS: gefährdet); Erhaltung gefährdeter Pflanzengesellschaften: Acidophytischer Braunseggensumpf (RLS: stark gefährdet), Quellwiese mit Sumpfpippau und Spitzblütiger Binse (RLS: gefährdet), Bärwurzwiese (RLS: stark gefährdet)

Erhaltung der Lebensräume gefährdeter Pflanzenarten: Breitblättrige Kuckucksblume Dactylorhiza maculata (RLS: stark gefährdet),  Arnika Arnica montana (RLS: stark gefährdet), Niedrige Schwarzwurzel Scorzonera humilis (RLS: stark gefährdet), Schmalblättriges Wollgras Eriophorum angustifolium (RLS: gefährdet), Kleiner Baldrian Valeriana dioica (RLS: gefährdet), Kleiner Klappertopf Rhinanthus minor (RLS: gefährdet), Fieberklee Menyanthes trifoliata (RLS: gefährdet); außerdem die Moose Philonotis fontana, Bryum pseudotriquetrum und Plagiomnium ellipticum

Erhaltung der Lebensräume gefährdeter Tierarten: Bekassine (gelegentliche Beobachtungen, seit langem kein Brutnachweis), Kreuzotter (RLS: stark gefährdet), Kurzflügelige Beißschrecke Metrioptera brachyptera (RLS: gefährdet), Sumpfschrecke Stethophyma grossum (RLS: gefährdet)

Erhaltung eines wichtigen Elements im regionalen Biotopverbund (Biotopverbundplanung Johnsbach 2001)

aus: Schmiede, Ralf (2004): Vegetationskundliche Analyse und naturschutzfachliche Bewertung ausgewählter Grünlandbiotope im Osterzgebirge; Diplomarbeit, TU Dresden

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