Natur im Osterzgebirge

Bedeutung der Baumdenkmale

Warum alte Bäume erhalten?

Dr. Sebastian Dittrich, Professur für Biodiversität und Naturschutz, TU Dresden, Tharandt

Für den Klimaschutz sind Wälder und Bäume wichtig; so gibt es auch einige internationale Vereinbarungen zur Vermehrung der aktuellen, globalen Waldfläche. Für den Klimaschutz ist vor allem die langfristige Festlegung von Kohlenstoff, etwa in der Holzmasse der Bäume von Bedeutung. Dabei sind aber oft nur „wachsende“, jüngere Bäume und Waldbestände im Blick: Für manche ein Argument für Kurzumtriebsplantagen und aufgeräumte Wirtschaftswälder. Wie jüngere Studien zeigen, spielen aber auch große, alte Bäume innerhalb und außerhalb von Wäldern bei der Kohlenstoff-Fixierung eine wichtige Rolle, die bisher stark unterschätzt wurde.

Neben ihrem Beitrag zum Klimaschutz bieten aber alte und sehr große Bäume noch viel mehr: Sie sind teilweise auch wichtige Kulturdenkmale, bereichern unsere Ortschaften und Kulturlandschaften mit ihrer Schönheit und ihren Eigenheiten. Sie haben eine hohe ökologische Bedeutung: Allein die Zahl der Insektenarten, die z.B. an Buchen vorkommen, geht in die Tausende. Kaum zählbar sind die Individuen die an einem einzelnen Baum leben, viele fast unsichtbar. Dabei geht es nicht allein um Blütenbesucher, Frucht-, Samen- und Blattfresser. Vielmehr sind viele Baum- und Waldbewohner an Kleinst-Lebensräume, sogenannte Mikrohabitate, an Bäumen gebunden. Das können z.B. Höhlen und Risse, hohle Stämme und abgestorbene Äste (Totholz!) sein. Somit leisten alte Bäume, von der Dorflinde bis zur alten Tanne im Bergwald, einen wichtigen Beitrag zur biologischen Vielfalt. Gerade auch mit Strukturen, die manche als „Schaden“ ansehen.

Manche Mikrohabitate werden auch von Lebewesen erzeugt (z.B. Spechthöhlen, Insekten-Fraßlöcher) oder sind selbst Lebewesen (z.B. Misteln, Baumpilze, Flechten- und Moosbewuchs). Sie sind daher gut geeignet, Waldbestände und Einzelbäume ökologisch zu bewerten. Grundsätzlich gilt für Bäume und ihre Mikrohabitate: je größer und älter, desto mehr. Sehr alte und große Bäume weisen besonders viele Mikrohabitate auf, Bäume mit einem Brusthöhen-Durchmesser von unter 20 cm kaum irgendeines. Gerade weil viele Baumbewohner außerdem eher „heimlich“ leben, können aus der Präsenz von Mikrohabitaten auch Rückschlüsse auf Vorkommen spezialisierter Tierarten gemacht werden. Im Baumprojekt werden an ausgewählten Bäumen aber auch systematische Erfassungen ausgewählter Artengruppen durchgeführt (Vögel, Holzkäfer, Fledermäuse). An allen erfassten Bäumen werden die an ihnen vorkommenden Flechten- und Moosarten aufgenommen.

Alte Bäume sind wertvoll und unverzichtbar: für den Klimaschutz, unser kulturelles Gedächtnis, die Schönheit unserer Landschaften, für die Erhaltung der biologischen Vielfalt. Zu ihrer Erhaltung wollen wir in unserem gemeinsamen Projekt mit der Grünen Liga Osterzgebirge einen Beitrag leisten.

Abbildung: Beispiele für Mikrohabitate an alten Bäumen

1, Höhle am Stammfuß;

2, Baumpilze;

3, grobe Rindenstruktur;

4, Spechthöhle am Stamm;

5, Asthöhle;

6, Moos- und Flechtenbewuchs;

7, Mistel;

8, Kronen-Totholz.

 

 

 

Quellen, Weiterführendes

 Dittrich, S., Thiem, E., Albrecht, B.M. & von Oheimb, G. 2021. Cryptogamic epiphytes and microhabitat diversity on non-native green ash (Fraxinus pennsylvanica Marsh., Oleaceae) in urban habitats. – iForest 14: 393-399.

Kratochwil, A. & Schwabe, A. 2001. Ökologie der Lebensgemeinschaften. – Ulmer, Stuttgart: 756 S.

Müller, J., Bußler, H., Bense, U. et al. 2005. Urwaldrelikt-Arten – Xylobionte Käfer als Indikatoren für Strukturqualität und Habitattradition. – waldoekologie online 2: 106-113.

Stephenson, N., Das, A., Condit, R. et al. 2014. Rate of tree carbon accumulation increases continuously with tree size. – Nature 507: 90-93.

Winter, S., Begehold, H., Herrmann, M. et al. 2016. Praxishandbuch – Naturschutz im Buchenwald. Naturschutzziele und Bewirtschaftungsempfehlungen für reife Buchenwälder Nordostdeutschlands. 2. Aufl. – Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin: 186 S.