Natur im Osterzgebirge

Baumdenkmale im Ost-Erzgebirge

Alte Bäume = Lebensräume: Baumdenkmale im Klimawandel

ein Projekt des Tharandter Naturschutz-Lehrstuhls und der Grünen Liga Osterzgebirge

Projektinhalte    fachliche Hintergründe     Erfassungsstand     Literaturtips

Alte Bäume sind schön und voller Leben, sie spenden Sauerstoff und Schatten, bieten unzähligen Tieren ein Zuhause – und können sogar die “nicht-ganz-so-grünen” Mitmenschen begeistern. Alte Bäume gehören zu den wichtigsten Säulen des Naturschutzes, sozusagen.

Doch vielen betagten Gehölzen geht es heute gar nicht gut. Gründe gibt es viele: (vermeintliche) Verkehrssicherungspflichten statt Respekt vor dem Alter; asphaltierte und verdichtete Böden; Tausalze im Wurzelbereich sowie Stickoxide/Ozon im Kronenraum; aus aller Welt herbeiglobalisierte Krankheiten und “Schadorganismen” … um nur einige Baumleiden des 21. Jahrhunderts zu nennen.

Richtig heftig jedoch setzten die vergangenen Dürrejahre unseren ältesten osterzgebirgischen Mitbewohnern zu. Klimawandel, Punkt.

Es sind nicht nur die ohnehin auf hohes Risiko gepflanzten Fichtenforsten, die dahindorren (und damit leichte Borkenkäferbeute werden). Auch um viele alte Streuobstwiesen und so manches Naturdenkmal ist es nicht gut bestellt.

Andererseits: alte Bäume haben in ihrem langen Leben schon viel erlebt, erduldet. Sonst wären sie jetzt ja nicht alt. Möglicherweise verfügen sie – die Überlebenden so mancher Extremsituation – über eine überdurchschnittliche Leidensfähigkeit auch gegenüber Witterungsextremen? Sind sie vielleicht “resilienter” als die meisten ihrer Artgenossen? Vielleicht haben ihre Nachkommen sogar bessere Überlebenschancen im Klimawandel als die verpämperten Sprösslinge aus den Baumschulen?

Aber so wie rauchende Rentner mit Bewegungsmangel und vitaminarmer Ernährung eher auf den Intensivstationen der Krankenhäuser landen als diejenigen mit fit gehaltenem Immunsystem, so kann die Summe all der heutigen Belastungen auch die vermeintlich robustesten Gehölzveteranen umhauen. Es ist sehr, sehr wichtig, alle anderen Schadursachen zu minimieren, wenn die alten Bäume auch in Zukunft überleben sollen, dank ihrer – vermuteten – Klimawandelresilienz.

Allzuoft aber geschehen sorglose Wurzelraumverdichtungen, Stammschäden oder plötzliche Freistellung von Waldbäumen. So mancher dieser Angriffe auf die Baumvitalität kündigt sich vorher an: eine Rückegassenmarkierung im Wald, ein bereitstehender Bagger, im Rathaus ausliegende Planungsunterlagen, … Es kümmert sich nur selten jemand drum. Erst wenn der Baum gefällt wird, gibt es einen Aufschrei, manchmal.

Baumdenkmalpaten gesucht!

Vor knapp zehn Jahren hatte die Grüne Liga schon einmal einen Versuch gestartet, die größten, schönsten, wertvollsten Altbäume im Ost-Erzgebirge zu erfassen, im Internet zu präsentieren und zu dokumentieren, sowie Betreuer zu finden, die sich um das Wohlergehen dieser Exemplare sorgen. Siehe Grünes Blätt’l Februar 2012. Es gab sogar ein schönes deutsch-tschechisches Projekt zur Kartierung der Baumdenkmale beiderseits der Grenze. Von einigen (wenigen) der Baumfreunde, die sich auf den Blätt’laufruf damals zur Mitwirkung gemeldet hatten, bekomme ich immer noch fast jährlich einen Kurzbericht plus Baumfoto (z.B. zur Prachtbuche bei Bergießhübel) – und jedes Mal ein schlechtes Gewissen. Das Baumdenkmal-Vorhaben der Grünen Liga Osterzgebirge führte ein paar Jahre ein Nischendasein mangels zeitlich-ehrenamtlicher Kapazitäten, und als dann die zugrundeliegende Seite www.osterzgebirge.org im Internet-Nirvana verschwand, geriet auch die Baumdenkmal-Betreuung aus dem Blickfeld.  So ganz als Freizeitvergnügen kann man nicht die Übersicht behalten über mehr als hundert Altbäume.

Wer ist bereit, für ein, zwei oder drei Altbäume seiner Wahl die Patenschaft zu übernehmen? Erwartet wird, den Baum wenigstens einmal pro Jahr aufzusuchen, Gefahren für den Baum zu erkennen, der Grünen Liga Osterzgebirge einen kurzen Zustandsbericht zu schicken plus ein aktuelles Foto.

Bis die Idee vor etwa einem Jahr erneut aufploppte. Die Corona-Finanztöpfe begannen zu sprudeln, und plötzlich erschien auch ein professionelleres Baumdenkmal-Projekt wieder denkbar. Mit einem dieser unerwarteten Finanztöpfe (namens “Nachhaltig aus der Krise”) stellt das sächsische Umweltministerium bis Ende 2022 Geld bereit für Initiativen, die sich auch den wichtigen Herausforderungen unserer Zeit – Klimawandel und Verlust der Biologischen Vielfalt – widmen. Gemeinsam mit dem Tharandter Lehrstuhl für Biodiversität und Naturschutz entwickelte die Grüne Liga Osterzgebirge ein Projektkonzept “Alte Bäume = Lebensräume: Potentiale von Baumdenkmalen im Klimawandel”. Wir bewarben uns – und haben gewonnen! Mit im Boot sind außerdem der Forstbezirk Neustadt sowie das Naturschutzinstitut Freiberg.

Die wichtigsten Partner erhoffen wir uns jedoch unter den zahlreichen Baumfreunden im Ost-Erzgebirge. Für so viele Altbäume wie möglich soll versucht werden, einen “Baumdenkmalpaten” zu finden. Jemand, der ein oder zweimal im Jahr seinen “Paten-Baum” besucht und schaut, wie es ihm geht, ob ihm Gefahren drohen. Dann macht der Baumpate ein Foto, beschreibt in kurzen Stichworten den aktuellen Zustand des Baumes – und schickt dies dann an die Grüne Liga Osterzgebirge.

Alter Wildapfelbaum, Zeichnung: Dietrich Papsch

Baumdenkmaldokumentation bei osterzgebirge.org

Wir sind jetzt grad dabei, die vor einigen Jahren verloren gegangene Internet-Darstellung der Gehölz-Naturdenkmale und sonstigen wertvollen Altbäume wieder aufzubauen. Unter

https://osterzgebirge.org/de/natur-erkunden/schutzgebiete/naturdenkmale/baum-naturdenkmale

gibt es bereits eine Karte mit zahlreichen bekannten Bäumen. Zumindest bei den 2014 neu ausgewiesenen Naturdenkmalen im Gebiet der Gemarkungen Altenberg, Dippoldiswalde und Glashütte kann man jeweils zu einer Unterinternetseite klicken, die weitere Infos über den entsprechenden Baum parat hält. Künftig sollen da alle Zustandsberichte der Baumpaten und aktuelle Fotos hinzugefügt werden.

Bisher handelt sich das nur um provisorisches Herantasten. Bevor wir die Internetpräsentation der Bäume einem Profi in Auftrag geben, sind wir für alle Ideen und Hinweise dankbar.

Es gibt im deutschen Teil des  Ost-Erzgebirges (Teile der Landkreise Mittelsachsen und Sächsische Schweiz – Osterzgebirge) ca. 70 offiziell als Naturdenkmal ausgewiesene Bäume. 2014 waren im oberen Teil des SSOE-Kreises 21 neue ND hinzugekommen (und fristen seither unmarkiert und unbeachtet ihr Dasein in der Landschaft), etwa ebenso viele Bäume in Siedlungen und an Straßen hatten gleichzeitig ihren Schutzstatus verloren (weil dem Landkreis die Pflegekosten zu hoch waren). Das Grüne Blätt’l berichtete damals über den Aufschrei unter Gehölz-Naturschützern.

Wer kennt alte Bäume, die ins Patenschaftsprogramm aufgenommen werden sollten? Besonders wichtig sind Exemplare nicht ganz so häufiger Baumarten.

Nichtsdestotrotz sind auch viele der Nicht-mehr-Naturdenkmale weiterhin wertvolle Altbäume. Außerdem gibt es noch eine ältere, lange Vorschlagsliste für neue Naturdenkmale im ehemaligen Landkreis Freiberg. Weitere Exemplare stehen in NSG und damit unter Schutz. Dann gibt es noch die sogenannten “Rekordbäume” (https://ddg-web.de/rekordbaeume.html).

Und so mancher wertvolle Altbaum ist noch nie ins Blickfeld der Naturschützeröffentlichkeit gerückt, obwohl ganz, ganz wertvoll. Gern können Grüne-Blätt’l-Leser ihre “Lieblingsbäume” mitteilen: wir kommen uns diese anschauen und nehmen die gegebenenfalls mit ins Baumpatenprogramm auf.

Und was passiert dann mit den Baumpaten-Infos?

Zunächst einmal wäre es ein wichtiger Fortschritt, wenn jemand regelmäßig bei den Bäumen nachschaut, ob Gefahren für sie lauern (Wichtig: es geht nicht um – vermeintliche oder tatsächliche Gefahren, die von den Bäumen für Menschen oder gar Autos ausgehen können, sondern umgekehrt! Verkehrssicherung ist explizit kein Bestandteil des Projekts!).

Aus der Zusammenstellung der (halb-)jährlichen Fotos und Kurzeinschätzungen lassen sich womöglich auch schleichende Veränderungen feststellen, die einem entgehen, wenn man nur aller zehn Jahre mal vorbeikommt. Zum Beispiel das allmähliche Verschatten lichtbedürftiger Gehölze durch konkurrenzstärkere Nachbarbäume.

Dank der Mitwirkung der TU Dresden, Lehrstuhl Biodiversität und Naturschutz, sowie verschiedener Biologen im Projekt soll es auch vertiefte wissenschaftliche Untersuchungen an ausgewählten Baumdenkmalen und deren Bewohnern geben.

Wenn Pflegemaßnahmen unabdingbar sein sollten, würde die Grüne Liga versuchen, Finanzierung und qualifizierte Baumpfleger dafür zu finden. Bei niederschwelligen Problemen sollen Lösungen mit dem Baumeigentümer gesucht werden. Und wenn wirklich Gefahr im Verzug ist – der Bulldozer vorm Baum steht – dann hilft nur noch die nachdrückliche Forderung an die zuständigen Behörden zum Aktivwerden.

 

Umweltbildung und praktischer Gehölzschutz

Alte Bäume brauchen nicht nur Paten, sondern auch Freunde, viele Freunde. Deswegen sollen an das Baumdenkmal-Projekt eine ganze Menge Öffentlichkeitsarbeit und Umweltbildungsaktivitäten angebunden werden: naturkundliche Wanderungen, Projekttage mit Grundschulen, Workcamp-Wochenenden mit Jugendlichen, Studentenexkursionen, Pressearbeit – die gesamte Palette.

Wer hat Lust, mal  eine Naturkundliche Wanderung zu seinen Lieblingsbäumen zu führen? Die Grüne Liga Osterzgebirge freut sich immer über gemeinsame Exkursionen mit orts- und Fachkennern.

Nach aller Erfahrung eine der besten Möglichkeiten, Verbindungen zur Natur zu knüpfen, sind gemeinsame praktische Naturschutzeinsätze. Kaum etwas bringt so viel Erfüllung wie zusammen mit Gleichgesinnten Bäume zu pflanzen (und zu pflegen)! Völlig klar, dass auch bei diesem Projekt Freiwilligen-Praxiseinsätze dazugehören. Partner dabei wird vor allem der Forstbezirk Neustadt sein, mit dem das Vorhaben gemeinsam entwickelt wurde. Der erste Praxis-Aktionstag soll im Februar oder März den Jungeiben am Schlottwitzer Lederberg gewidmet werden (wenn die Schneeverhältnisse und die Coronaverordnungslage dies zulassen).

Wer alte Bäume erhalten will, muss sich auch um den Nachwuchs kümmern – sowohl den der Bäume als auch den der Baumschützer.

Perspektive?

“Nachhaltig aus der Krise” endet Silvester 2022. Bis dahin ist viel zu tun, es steht auch ganz ordentlich Geld zur Verfügung. Und dann? Erfahrene Grüne-Blätt’l-Leser mögen jetzt mit den Augen rollen und denken: da wurden in all den Jahren schon so viele Projekte angeschoben und von der Grünen Liga, oder einem anderen Umweltverein, als ganz große Sache beworben. Wenn dann die Finanzierung zu Ende war, gab es allenfalls nochmal eine kleine Blätt’l-Randnotiz, und irgendwann war das ach so fulminant gestartete Vorhaben vergessen. Das alte Baumprojekt vor knapp zehn Jahren gehörte dazu.

Diesmal soll alles ganz anders werden. Geplant ist, gemeinsam mit den Tharandter TU-Partnern innerhalb von “Nachhaltig-aus-der-Krise” die Grundlagen für ein größeres, mehrjähriges Projekt zu schaffen.