Natur im Osterzgebirge

FND Wiese bei Hartmannsdorf-Neubau

Foto: Gerold Pöhler

Unterschutzstellung: Verordnung des Landratsamtes Sächsische Schweiz-Osterzgebirge zur Festsetzung von Flächennaturdenkmalen, vom 19. Februar 2013

Gemarkung: Hartmannsdorf

Flurstück: 861/1

Größe: ca. 2,2 ha

Lage: Die mehrfach in Bergwiesenwettbewerben preisgekrönte Wiese liegt in dem Tälchen, das vom Hartmansdorfer Ortsteil Neubau der Wilden Weißeritz zufließt und ca. 300 m östlich in die Talsperre Lehnmühle mündet. Begrenzt wird die langgestreckte Talwiese auf der gesamten Nordwestseite von der B 171 und auf allen übrigen Seiten (bis auf einen schmalen Bereich im Südwesten) von Nadelholzforsten. Das Bächlein selbst fließt überwiegend am Südostrand. Höhenlage: 540 – 565 m üNN

Kurzcharakteristik: Diese äußerst artenreiche Wiese zeichnet sich durch größere Bergwiesenbestände aus, die im Sommer einen sehr blütenreichen Aspekt bieten. Die eingelagerten Feuchtbereiche werden von einem kleinräumig wechselnden Mosaik verschiedener Gesellschaften der Feuchtwiesen sowie Kleinseggenrasen gebildet.

Der auf der geologischen Osterzgebirgskarte stets markante, süd-nord-gestreckte Granitporphyrgang, der im Bereich der Lehnmühletalsperre am linken Weißeritzhang verläuft, quert im unteren Wiesenteil auch das Tälchen von Hartmannsdorf-Neubau. Eventuell ist der Gesteinswechsel von Biotitgneis zu Granitporphyr (= porphyrischer Mikrogranit) auch für den verstärkten Einfluss des Hangzugwassers verantwortlich. In den bodenfrischen Bereichen haben sich Braunerden entwickelt. Die Bodenprofile in den Feuchtwiesen wurden als Anmoorpseudogleye angesprochen, am nassen Standort des Kleinseggenrasen als Hangmoorgley.

Die Wiese Hartmannsdorf-Neubau repräsentiert in typischer Weise die im Einzugsgebiet von Wilder Weißeritz (sowie Freiberger Mulde) verbreitete westliche Ausbildungsform der Storchschnabel-Goldhafer-Bergwiesen. Beide namensgebende Arten, Wald-Storchschnabel Gernaium sylvaticum und Goldhafer Trisetum flavescens, kommen hier vor, erstere im Mai den weithin leuchtenden Blütenteppich prägend. Dem aufmerksamen Wanderer fallen dann selbst von der Straße aus die ca. 30 Exemplare Stattliches Knabenkraut Orchis mascula auf, etwas später die mehreren hundert Breitblättrigen Kuckucksblumen Dactylorhiza majalis in den Feuchtbereichen. Als weitere Orchideenart kommt in größerer Zahl das Große Zweiblatt Listera ovata vor.

Bereits im zeitigen Frühling ist die Wiese wegen ihres Blütenreichtums bemerkenswert, unter anderem mit Hohe Schlüsselblume Primula elatior, Busch-Windröschen Anemone nemorosa, Sumpf-Dotterblume Caltha palustris, Wiesen-Schaumkraut Cardamine pratensis.

Neben dem bereits genannten Wald-Storchschnabel kommt danach in den flächenmäßig vorherrschenden Bergwiesenbereichen (ca. 65 % der Gesamtfläche) eine breite Palette von Berg- und Frischwiesenarten zur Geltung: Bärwurz Meum athamanticum, Rot-Schwingel Festuca rubra, Weicher Pippau Crepis mollis, Alantdistel Cirsium heterophyllum, Rundblättrige Glockenblume Campanula rotundifolia, Kuckucks-Lichtnelke Silene flos-cuculi, Rot-und ZickzackKlee Trifolium pratense, T. medium, Wiesen-Kümmel Carum carvi, Schafgarbe Achillea millefolium, Margerite Leucanthemum vulgare, Frauenmantel Alchemilla vulgaris agg., Wiesen-Labkraut Galium mollugo agg., Scharfer und Goldschopf-Hahnenfuß Ranunculus acris, R. auricomus, Spitz-Wegerich Plantago lanceolata, Kleiner Klappertopf Rhinanthus minor, Rauer Löwenzahn Leontodon hispidus, Kleine Braunelle Prunella vulgaris.

Weniger stark als in der borstgrasrasenartigen Vegetation anderer Bergwiesen der FND-Vorschlagsliste sind Magerkeitszeiger vertreten. Größere Anteile nehmen dennoch folgende Arten ein: Zittergras Briza media, Berg-Platterbse Lathyrus linifolius, Vielblütige und Feld-Hainsimse  Luzula multiflora, L. campestris, Bleich-Segge Carex pallescens, Ruchgras Anthoxanthum odoratum.

Foto: Ralf Schmiede

Andererseits zeugen hochwüchsige Doldenblütler, stickstoffliebende Gräser und weitere Arten von der reichen Nährstoffversorgung der Bachaue: Wiesen-Kerbel Anthriscus sylvestris, Giersch Aegopodium podagraria, Wiesen-Bärenklau Heracleum sphondylium, Löwenzahn Taraxacum officinale, Kletten-Labkraut Galium aparine, Knaulgras Dactylis glomerata, Wolliges Honiggras Holcus lanatus, Wiesen-Schwingel Festuca pratensis, Gewöhnliches Rispengras Poa trivialis

In der kaum genutzten, bachbegleitenden Ufervegetation (v.a. im Nordosten der Wiese) setzt sich Mädesüß Filipendula ulmaria durch, begleitet von Sumpf-Kratzdistel Cirsium palustre.

Der größte Teil der Feuchtbereiche (ca. 25 % Flächenanteil) wird auch hier von Spitzblütiger Binse Juncus acutiflorus geprägt, allerdings mit zahlreichen weiteren Feuchtwiesenarten als Begleiter, u.a.  Sumpf-Pippau Crepis paludosa, Sumpf-Vergissmeinnicht Myosotis scorpioides, Sumpf-Hornklee Lotus uliginosus, Wald-Simse Scirpus sylvaticus, Acker-Minze Mentha arvensis, Brennender Hahnenfuß Ranunculus flammula, Moor- und Sumpf-Labkraut Galium uliginosum, G. palustre, Glieder- und Knäuel-Binse Juncus articulatus, J. conglomeratus.

Ein kleiner Bereich im mittleren Wiesenabschnitt, direkt unterhalb der Straßenböschung, ist als Kleinseggenrasen ausgebildet, mit Schwarzwurzel Scorzonera humilis, Schmalblättrigem Wollgras Eriophorum angustifolium, Kleinem Baldrian Valeriana dioica, Sumpf-Veilchen Viola palustris sowie mehreren Seggenarten, v.a. Carex panicea, C. nigra, C. demissa.

November 2010

Pflege: Die Fläche befindet sich in einem überwiegend sehr guten  Pflegezustand. Seit vielen Jahren wird sie von einem Landwirt im Spätsommer mit einem kleinen Traktor und Mähbalken bewirtschaftet. Im Herbst weiden Schafe auf den Bergwiesenbereichen. Letzteres trägt nicht unerheblich zur Arten- und Blütenvielfalt bei.

Beeinträchtigungen: Negative Einflüsse gehen für die Wiese vor allem von der vorbeiführenden Straße aus (Tausalze, eutrophierende Abgase, Müll). Potentiell besteht das Risiko eines Ausbaus der B171.

Schutzbedürftigkeit: Da bei den bisher bestehenden FND nur mit der „Krokuswiese“ eine westliche Ausprägungsform der Bergwiesen (mit Wald-Storchschnabel) unter Schutz gestellt ist, ergibt sich diesbezüglich ein deutliches Defizit. Die Bergwiese bei Neubau wäre eine Bereicherung für die Flächennaturdenkmale im Weißeritzkreis, da im unteren Einzugsbereich der Wilden Weißeritz bisher kein Grünland-FND existiert und die Bergwiese sehr gut die westliche Ausprägungsform repräsentieren würde.

Die Unterschutzstellung sollte die naturschutzgerechte Pflege der Wiese nachhaltig absichern helfen sowie potentielle Gefahren (etwa durch Straßenbaumaßnahmen) verhindern.

Schutzzweck:

Erhaltung von gefährdeten Biotopen: Bergwiese (RLS: stark gefährdet), Kleinseggenried basenarmer Standorte (Rote Liste Sachsen:gefährdet), Binsensumpf (RLS: gefährdet), sonstiges artenreiches Feuchtgrünland (RLS: gefährdet)

Erhaltung gefährdeter Pflanzengesellschaften: Geranio sylvatici-Trisetetum (RLS: stark gefährdet), Carici canescentis-Agrostietum caninae (RLS: stark gefährdet), Crepis paludosa-Juncus acutiflorus-Gesellschaft (RLS: gefährdet)

Erhaltung des FFH-Lebensraumtypsb 6520 Berg-Mähwiese angrenzend an das NATURA-2000-Gebiet 37E “Täler von Vereinigter und Wilder Weißeritz”

Erhaltung des Lebensraumes gefährdeter Pflanzenarten: Stattliches Knabenkraut Orchis mascula (RLS: Vom Aussterben bedroht), Breitblättriges Knabenkraut Dactylorhiza majalis (RLS: stark gefährdet), Großes Zweiblatt Listera ovata (RLS: stark gefährdet), Niedrige Schwarzwurzel Scorzonera humilis (RLS: stark gefährdet), Zittergras Briza media (RLS: gefährdet), Berg-Platterbse Lathyrus linifolius (RLS: gefährdet), Kleiner Baldrian Valeriana dioica (RLS: gefährdet), Schmalblättriges Wollgras Eriophorum angustifolium (RLS: gefährdet), Kleiner Klappertopf Rhinanthus minor (RLS: gefährdet)

Erhaltung einer landschaftsprägenden blütenbunten Bergwiese im Siedlungsrandbereich aus ästhetischen Gründen.

Von dem hohen Wert der untersuchten Fläche zeugt auch die Tatsache, dass die Wiese mehrmals den Preis der „Schönsten Bergwiese“ gewann, der in einen „Wettbewerb der Bergwiesen“ vom Landschaftspflegeverband Osterzgebirge und Vorland vergeben wurde.

aus: Schmiede, Ralf (2004): Vegetationskundliche Analyse und naturschutzfachliche Bewertung ausgewählter Grünlandbiotope im Osterzgebirge; Diplomarbeit, TU Dresden

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