Natur im Osterzgebirge

PP Domaslavické údolí – Deutzendorfer Grund

aus: AOPK 1999

Süd- bis südwestlich exponierter Steilhang des oberen Deutzendorfer Baches / Domaslavický potok, unmittelbar unterhalb des Erzgebirgskammes am Dreiherrenstein / Vrch tří pánů; naturnaher Buchenwald, mit Blockhang- und Quellbereichen; 570 – 855 m NN;  60 ha; 1992 als Naturdenkmal / Přírodní památka unter Schutz gestellt (aufgrund der Größe hier aber als Naturschutzgebiet betrachtet)

 

Nutzungsgeschichte:

alte Kulturlandschaft am Südfuß des Ost-Erzgebirges

Während die Besiedlung des Erzgebirgsfußes zur  Gründungszeit des Klosters Ossegg (1196) rasch voranschritt und unter anderem Deutzendorf bereits 1203 erstmalig urkundlich erwähnt wurde, bildeten die oberhalb gelegenen Steilhangwälder ein schwierig zu erschließendes Holz-Reservoir für Bergbau (u.a. Silberbergbau bei Klostergrab/Hrob ab 14. Jahrhundert) und den in die in der Region angesiedelte Glaserzeugung. Ab dem 19. Jh. löste dann jedoch die im Nordböhmischen Becken geförderte Braunkohle Holz als Hauptenergieträger ab.

Während zunächst Tannen, ab den 1960er Jahren in immer größerem Umfang auch Fichten den Schwefeldioxid-Abgasen der Braunkohleverbrennung in Kraftwerken und Fabriken zum Opfer fielen, konnten sich die meisten Laubbaumarten relativ gut behaupten. Und weil der Aufwand für intensive Forstwirtschaft an den Steilhängen auf der Südseite zu hoch war, konnten sich hier auch sehr naturnah wirkende Buchenmischwälder entwickeln. 1992 wurde ein solcher Buchenhang-Komplex im oberen Deutzendorfer Grund unter Naturschutz gestellt. In dessen Umfeld indes haben seither ausgesprochen radikale Kahlschläge stattgefunden und den Naturraum beeinträchtigt.

 

Einschnitt des Deutzendorfer Grundes in den Südabbruch des Erzgebirges

Naturraum:

typisches Kerbtal

Unterhalb des Gebirgskammes bei der Wegkreuzung Dreiherrenstein / Vrch tří pánů (874 m üNN) hat der Deutzendorfer Bach / Domaslavický potok ein 150 – 170 Meter tiefes Kerbtal in den Abbruch der Erzgebirgsscholle gegraben – bereits wenige hundert Meter nach seinen Quellen. Dabei stehen sich ein nordöstlich und ein südwestlich exponierter Steilhang gegenüber. Letzteren umfasst das Naturschutzgebiet, etwa einen Kilometer linksseitig dem Bachlauf folgend und von dort bis knapp unter den Erzgebirgskamm hinauf. In zahlreichen Quellmulden tritt Kluftwasser zutage.

Blick über das wolkengefüllte Nordböhmische Becken vom Dreiherrenstein

Den geologischen Untergrund bilden Gneise, die auch größere Blockhalden bilden.  Das Tal des Deutzendorfer Baches liegt auf einem geologischen Querbruch, der sich in einer Länge von fast 9 km zwischen dem Erzgebirge (Tal des Flájský potok/Flöha) über Domaslavické údolí, Križanovské údolí und Bourlivec erstreckt und sich in Richtung Jeníkov/Janegg und Všechlapy/Wschechlab fortsetzt. Überreste im Wald zeugen hier von früherem Bergbau.

aufsteigender Böhmischer Nebel im Deutzendorfer Grund (eine halbe Stunde später betrug die Sichtweite hier nur noch 30 m)

Während stabiler Hochdruck-Verhältnisse im Herbst und Winter kommt es im Nordböhmischen Becken oft zu ausgeprägten Inversionswetterlagen. Dann füllt dichter Nebel die Ebene zwischen Teplitz/Teplice, Brücks/Most und Komotau/Chomutov, während auf dem Erzgebirgskamm herrlicher Sonnenschein herrscht. Frischt dann mit dem nächsten Tiefdruckgebiet der Südwind auf, werden die feuchten Luftmassen über die Sättel und Taleinschnitte – auch des Deutzendorfer Grundes – auf das Kammplateau gedrückt. Dann kommt “Böhmischer Nebel” auf, oft mit nass-kaltem Sturm verbunden.

 

Vegetation:

An den steilen Hängen zeigt sich die typische Waldvegetation in ihrer gesamten Abfolge von bodensauren Hainsimsen-Buchenwäldern (an den nährstoffärmeren Oberhängen) über reichere Waldmeister-Buchenwälder und Hangschuttwälder (an besonders steilen Abschnitten) bis hin zu einem artenreichen Streifen Erlen-Eschen-Bachauenwald auf der schmalen Talsohle.

Die nährstoffärmeren Oberhänge und weniger gut durchfeuchteten Hangrücken werden in der Bodenvegetation durch anspruchslosere Pflanzen charakterisiert, vor allem Draht-Schmiele, Purpur-Hasenlattich, Schattenblümchen, Mauerlattich und Heidelbeere. Typische Arten der nährstoffreicheren Buchenwälder sind hingegen der namensgebende Waldmeister, Wald-Bingelkraut, Wald-Veilchen, Süße Wolfsmilch, verschiedene Gräser (Wald-Flattergras, Wald-Schwingel, Nickendes Perlgras) und Farne (Männlicher Wurmfarn, Frauenfarn, Buchenfarn). Hervorzuheben sind Seidelbast und Türkenbund-Lilie.

Auf den ehemaligen Kahlschlägen bilden sich Grasteppiche mit Wolligem und Land-Reitgras sowie Schlagfluren mit Rotem Fingerhut, Fuchs-Kreuzkraut, Schmalblättrigem Weidenröschen, Nesselblättriger Glockenblume und Himbeere.

Besonders artenreich ist die schmale Bachaue, u.a. mit Alpen-Milchlattich, Echtem Baldrian, Mondviole, Bärlauch, Wolligem und Platanenblättrigem Hahnenfuß sowie einer üppigen Strauchschicht. 

Tierwelt:

Schwarzstorch (Foto: Jan Gläßer)

Mehr als 60 Wirbeltierarten wurden bislang nachgewiesen, von denen 15 unter besonderem Schutz stehen. Zu diesen gehören: Schwarzstorch, Waldschnepfe, Raufußkauz, Bartfledermaus und andere. Die Wirbellosen sind mit fast 30 Laufkäferarten, 12 Ameisenarten und mehr als 40 Weichtierarten vertreten.

 

Naturerlebnismöglichkeiten:

Sowohl der markierte Wanderweg im Talgrund am Deutzendorfer Bach, als auch der auf dem Erzgebirgskamm berühren das eigentliche Schutzgebiet nur an wenigen Stellen. Ein Forstweg führt weitgehend hangparallel durch das NSG.

 

Naturdenkmal Eibe in Domaslavice

weitere naturkundlich interessante Ziele in der Umgebung:

Stropník/Strobnitz (856 m üNN): einer der reizvollsten Aussichtspunkte des Ost-Erzgebirges

Bouřňák /Stürmer (869 m üNN): Aussichtspunkt; Naturdenkmal Geisterbuchen am Stürmer / PP Buky na Bouřňáku

Quellgebiete der Flöha / Flájskí potok mit Moorrelikten, u.a. Grünwalder Heide

Naturdenkmal Eibe in Domaslavice

 

Literatur:

Kuncová, J. a kol. (1999): Ústecko. Chráněná území ČR, Agentura ochrany přirody a krajiny ČR, Praha

Kotěra, Jan; Ondráček, Čestmír; Weber, Jens (2007): Am Fuße des Erzgebirges bei Osek / Ossegg; in: Naturkundliche Wanderziele im Ost-Erzgebirge (Naturführer Ost-Erzgebirge, Band 3); hrsg. Grüne Liga Osterzgebirge

https://osterzgebirge.org/gebiete/25_8.html

 

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