Es ist legitim und wichtig, dass sich Menschen gegen die Bedrohung ihrer Heimat durch industrielle Großprojekte zur Wehr setzen – seien es Indigene in Südamerika oder sorbische wie deutsche Bewohner der Lausitz. Oder Osterzgebirgler, die sich seit einigen Jahren mit gigantischen Lithiumbergbauvorhaben konfrontiert sehen.
Anders als beispielsweise in Serbien sind es nicht Tausende, sondern nur eine überschaubare Zahl von Leuten, die sich in den Bürgerinitiativen von Zinnwald und Cínovec, Bärenstein und Liebenau engagieren. Doch ihre fachlich ausgesprochen tiefgründigen Auseinandersetzungen mit den überdimensionierten Planungen der beiden konkurrierenden Unternehmen Geomet (auf der tschechischen Seite) und Zinnwald Lithium (auf der deutschen Seite, jetzt vom amerikanischen AMG-Konzern übernommen) hat ihnen Aufmerksamkeit und Respekt weit über die Region hinaus verschafft. Und so fiel die Entscheidung auf das Ost-Erzgebirge für ein Vernetzungstreffen rohstoffkritischer Initiativen.
Vom 4. bis 6. September kamen in Schmiedeberg rund 30 Menschen aus Deutschland sowie Ländern des globalen Südens zusammen, um sich über die Auswirkungen von Ressourcenraubbau auf Menschen und Natur auszutauschen – und gemeinsam über Wege zur Verringerung des Ressourcenkonsums nachzudenken.
Bergbau macht betroffen!
Den Auftakt bildete am Freitagabend die Präsentation der MDR-Dokumentation „Wuhlo – Kohle“ (https://www.mdr.de/video/mdr-videos/reportagen-dokus/video-wuhlo-kohle-100.html).
Dazu war auch eine der Protagonistinnen des Films, die Pfarrerin der Gemeinde Schleife, nachSchmiedeberg gekommen. Was Jadwiga Mahling über die Auswirkungen des Kohlebergbaus auf die Menschen der Lausitz (und speziell auch der sorbischen Minderheit, der sie selbst angehört) berichtete, machte sehr betroffen. Die Dimensionen der Tagebaue und der noch weit darüber hinausgehenden Konflikte kann man sich kaum vorstellen, wenn man nicht selbst damit konfrontiert ist.
Andererseits kamen die Methoden der Bergbaukonzerne und -behörden vielen im Raum recht bekannt vor. Beispiel: Die Besitzer eines Waldstückes in der geplanten Erweiterungsfläche des Tagebaus Nochten hatten sich geweigert, ihren Wald an das Kohlebergbauunternehmen LEAG abzutreten – und dieses stattdessen an die Grüne Liga Cottbus verpachtet. Diese hatte 2024 gegen die Enteignungsverfügung („bergrechtliche Grundabtretung“) des Sächsischen Oberbergamts eine einstweilige Verfügung beim Oberverwaltungsgericht beantragt. Das Gericht wies diesen Antrag ab, ließ sich mit der Begründung – gegen die wiederum Rechtsmittel hätten eingelegt werden können – aber bis zwei Tage vor Weihnachten 2025 Zeit. Sofort am Tag nach Neujahr holzte ein von der LEAG beauftragtes Unternehmen den Wald ab. Wer sich der weit verbreiteten Illusion von „besonders hohen Standards“ im deutschen Rechtsstaat bei Bergbauvorhaben hingibt, sollte sich mit diesem Fall mal genauer befassen!
Bergbaueindrücke auf dem Erzgebirgskamm
Am Sonnabendvormittag führte eine Exkursion zunächst zur markantesten Hinterlassenschaft früheren Bergbaus im Ost-Erzgebirge: der Altenberger Pinge. Das heutige Wahrzeichen von Altenberg zeigt, dass auch in früheren Zeiten die Ressourcengier oft die Tragfähigkeit der Landschaft überstieg. Als zu DDR-Zeiten der Zinnbergbau großindustriell intensiviert wurde, bis auf 1 Million Tonnen Erzförderung pro Jahr, brachen die Pingenränder immer weiter nach. Mehr und mehr Häuser von Altenberg mussten geräumt werden. Christoph Schröder, Leiter des Bergbaumuseums, sparte auch diese Konsequenzen der damaligen Bergbauindustrie bei seiner ausgewogenen, wohl aber spannenden Pingenführung nicht aus.
Anschließend ging es mit dem Linienbus über die Grenze bis nach Cínovec. Während die Lithiumpläne auf der deutschen Seite der Grenze aktuell auf Eis zu liegen scheinen (nachdem der vormalige 30-%-Aktionär AMG im Sommer die Reste von Zinnwald Lithium plc komplett übernommen hat), sind die Bedrohungen von der tschechischen Seite her derzeit ziemlich akut. Geomet s.r.o., das zur Hälfte dem halbstaatlichen tschechischen Energiekonzern ČEZ und zur anderen Hälfte einem australischen Bergbauunternehmen gehört, will unter Cínovec jährlich 3,2 Millionen Tonnen Erz heraussprengen. Das wäre mehr als das Dreifache der Erzmenge, die Zinnerz Altenberg in seinen Höchstzeiten gefördert hatte – was die Pinge immer größer werden ließ. (Zinnwald Lithium versprach seinen Aktionären zusätzliche 3,5 Millionen Erzförderung pro Jahr unter Zinnwald).
Im Mai/Juni waren die Bürgerinitiativen Tag und Nacht beschäftigt, innerhalb von 30 Tagen insgesamt 2.800 schlecht übersetzte Dokumentenseiten der tschechischen Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) durchzuarbeiten. Sie fanden dabei zahlreiche Ungereimtheiten und einige ganz grundlegende Fehler – z.B. beim sogenannten Hydrologischen Modell, auf dem alle Beteuerungen beruhen, dass die Auswirkungen auf Gewässer und Trinkwasserfassungen gering und auf die Moore vernachlässigbar sein würden. Fast alle Modellierungen und alle tatsächlichen Kartierungen enden strikt an der Staatsgrenze, der sich die im Untergrund gesprengten Abbaukammern (16 m × 20 m × 20 – 50 m!) bis auf 50 Meter nähern sollen. Im Unterschied zu den detaillierten Stellungnahmen der Bürgerinitiativen und der Grünen Liga Osterzgebirge e.V. fiel die des Sächsischen Oberbergamts geradezu peinlich mager und substanzlos aus. Für eine Beamtenbehörde sind 30 Tage und 2.800 Seiten wohl noch herausfordernder als für ehrenamtlich engagierte Bürger.
Kamila Derynková vom Bürgerverein CINVALD z.s. erläuterte den Exkursionsteilnehmern die vehemente Opposition der betroffenen Gemeinden (Dubí, Košťany, Újezdeček), wo sich – im Unterschied zur deutschen Seite – auch die Bürgermeister klar positionieren. Diese Widerstände sind offenbar so groß, dass das Prager Umweltministerium einen gesetzlich vorgeschriebenen Termin zur Umweltverträglichkeitsprüfung kommentarlos verstreichen ließ. Bis spätestens 11. August hätte eine Fachstellungnahme zu den eingegangenen Einwendungen vorliegen müssen. Die tschechische Bürgerinitiative ist entschlossen, gegen eine (wahrscheinliche) Genehmigung des Vorhabens zu klagen – und dank einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne auch gut gerüstet dafür. Ob es jemals zur Realisierung der Lithiumausbeutungspläne – in diesen Größenordnungen – kommt, ist auch auf der tschechischen Seite noch längst nicht entschieden!
Austausch über Ausbeutung (von Ressourcen sowie Menschen und Natur)
Doch wenn Ressourcen-Extraktivismus in Mitteleuropa auf derartige Ablehnung trifft, wo sollen die Rohstoffe für die „Energiewende“, für Elektroautos, KI-Rechenzentren und Militärdrohnen dann herkommen? Dass ein Weiter-so durch Ausbeutung der Lagerstätten in Ländern des
„Globalen Südens“ selbstverständlich nicht die Lösung sein kann, machten am Sonnabendnachmittag die Impulsvorträge von Cathy Plato (aus dem Kongo stammende Bildungsreferentin in Baden-Württemberg) und Oscar Choque (in Dresden lebender „Eine-Welt-Promotor“ und einstmals selbst Bergmann in Bolivien) mehr als deutlich.
Hannah Pilgrim von der Organisation PowerShift (und maßgeblich aktiv im vereinsübergreifenden „Arbeitskreis Rohstoffe„) zeigte die Ziele, aber auch die Unzulänglichkeiten und Konfliktpotentiale der aktuellen europäischen Rohstoffstrategie auf, aus der der „Critical Raw Materials Act“ der EU resultiert. Gemäß dieses CRMA haben ca. 20 Vorhaben den Status als „strategisches Projekt“ erhalten, darunter auch Geomet in Tschechien – aber nicht Zinnwald Lithium. Diese sollen durch die jeweiligen nationalen Behörden im Schnellverfahren genehmigt werden. (Dass dies zwangsläufig zu Lasten von Umweltverträglichkeit und Bürgerbeteiligung führt, hatten die Exkursionsteilnehmer am Vormittag eindrucksvoll von Kamila Derynkova erfahren.)
Eine Rohstoffwende kann sich also nicht einfach darin erschöpfen, Ressourcenausbeutung zurück in europäische Landschaften zu holen. Die Lösungen liegen auf der Hand – und werden vom AK Rohstoffe zusammengefasst:
- Rohstoffverbrauch absolut reduzieren;
- Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards durchsetzen!
Um den zweiten Punkt ging es in der Diskussion am Abend. Die „Lithium-Bürgerinitiativen“ haben in den vergangenen Jahren im Ost-Erzgebirge viele Erfahrungen sammeln müssen, wie Bürgerbeteiligung zu Scheinformaten ausgehöhlt wird, und wie ökologische Belange mit fragwürdigen (bis schlichtweg falschen) Planungsunterlagen schöngerechnet und zurecht-argumentiert werden. Auf der Grundlage eines Entwurfs der Grünen Liga Osterzgebirge sowie eines bereits im letzten Jahr entstandenen tschechischen Papiers sollen in nächster Zeit gemeinsam „Mindeststandards für die Genehmigung von Bergbauprojekten“ erarbeitet werden. Diese müssen wesentlich konkreter sein als die bisherigen gesetzlichen Vorgaben, aus denen die Unternehmen allzu leicht Papiertiger falzen können.
Rohstoffwende selber machen
Nach einem Gottesdienst in der Kapelle des Winfriedhauses endete das Workshop-Wochenende am Sonntagmittag mit der Vorstellung ganz konkreter Projekte, wie der exorbitante Ressourcenverbrauch unserer heutigen Gesellschaft reduziert werden kann. Ralf Häußler und Camila Rodriguez von der „Handy-Aktion Baden-Württemberg“ berichteten über Erfahrungen mit dem Recycling von Mobiltelefonen. Und Miriam Meir (Arbeitsstelle Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung der Evangelischen Landeskirche Sachsen) ergänzte, dass eine vergleichbare Handy-Sammelinitiative inzwischen auch hier gestartet ist.
Ein besonders wertvolles Beispiel aus der Region zur Ressourcenschonung sind die Repaircafés, unter anderem in Tharandt und Freital. Jens Heinze vom Tharandter Umweltbildungshaus Johannishöhe stellte dieses nun schon viele Jahre bestehende Angebot vor, zu regelmäßigen Terminen gemeinsam und unter fachkundiger Anleitung Haushaltgeräte zu reparieren – anstatt Defektes wegzuschmeißen und neuzukaufen.
Somit ging das Workshop-Wochenende, das mit ziemlich erschütternden Einblicken in die Bergbaurealität der Lausitz begonnen hatte, schließlich mutmachend zu Ende. Wir können uns einerseits gegen Bedrohungen und Zerstörungen zur Wehr setzen, wir können aber auch selbst ganz praktisch aktiv werden. Ein sehr gelungene, runde Veranstaltung, da waren sich alle Teilnehmer einig!
Kleiner, aber nicht unwesentlicher Wermutstropfen: trotz großer Anstrengungen war es leider wieder nicht gelungen, mehr Öffentlichkeit des Ost-Erzgebirges zur Teilnahme zu motivieren. Die Lokalpresse und die regionalen Sender haben die Veranstaltung ignoriert (positive, konstruktive Formen des Bürgerengagements sind offenbar nicht spektakulär). Dabei hätte dies so manches Vorurteil über die vermeintlichen „Fortschrittsfeinde“ in Frage stellen können.
Abschließend ein herzliches Dankeschön an alle Initiatoren und Mitorganisatoren, Referentinnen und Finanzierer, die diese Veranstaltung möglich gemacht haben, insbesondere: Evangelische Landeskirche Sachsen, Ayni-Verein für Ressourcengerechtigkeit, Handy-Aktion Baden-Württemberg, PowerShift, Natürlich!Osterzgebirge e.V., CINVALD z.s., Bergbaumuseum Altenberg, Repaircafé Tharandt, Weiterdenken – Heinrich Böll Stiftung Sachsen, Brot für die Welt, ZEB – Zentrum für entwicklungsbezogene Bildung.
Jens Weber, Grüne Liga Osterzgebirge
https://weiterdenken.de/de/2026/09/05/osterzgebirge-lithium-abbau-einem-loechrigen-kaese
https://power-shift.de/mitsprache-guide-crma
osterzgebirge.org/de/natur-schuetzen/gefahren/lithium-bergbau

