Natur im Osterzgebirge

Die Lage der Natur in Deutschland

 

Vergangene Woche war es mal wieder soweit: das Bundesumweltministerium veröffentlichte die Ergebnisse des FFH- und Vogelmonitorings, wozu die Bundesregierung aller 6 Jahre gegenüber der EU verpflichtet ist. Insgesamt enthält dieser Bericht zur “Lage der Natur in Deutschland” wenig Überraschendes, aber dennoch sehr Bedenkliches.

“Insgesamt ist ein günstiger Erhaltungszustand nur bei 30 % der … Lebensraumtypen (LRT) erreicht, 32 % weisen einen ungünstig-unzureichenden und 37 % sogar einen ungünstig schlechten Erhaltungszustand auf. Auch bei den Arten sind nur 25 % … der 195 über die FFH-Richtlinie erfassten Arten … in einem günstigen Zustand, 30 % in einem unzureichenden und 33 % in einem schlechten Zustand. … Besonders ungünstig ist der Zustand bei den Lebensräumen des Grünlands, … Binnengewässern, bei Mooren und Sümpfen ….”

 

“Von den tatsächlichen Verschlechterungen des Erhaltungszustands von Lebensraumtypen und Arten ist die kontinentale Region (wozu auch das Ost-Erzgebirge gehört) besonders betroffen.”

Während es etlichen Säugetierarten der FFH-Richtlinie relativ gut geht, steht es gar nicht gut um die Wirbellosenfauna: “Nur gut ein Fünftel der Bewertungen der Insektenarten weist einen günstigen Zustand aus, 70 % der Bewertungen sind hingegen ungünstig.”

Bei den Vögeln scheint die Artenzahl in den letzten Jahren relativ konstant zu sein, allerdings auf einem deutlich niedrigeren Niveau als zuvor:

“Legt man die anzunehmende Gesamtsumme der Individuen aller Brutvogelarten in Deutschland zugrunde, so ergibt sich über den Zeitraum von 1992 bis 2016 ein Netto-Verlust von etwa sieben Millionen Brutpaaren. Davon entfallen jeweils fast zwei Millionen Brutpaare auf die Lebensräume im Offenland und im Wald, auf den Siedlungsbereich etwa 2,5 Millionen.

Die Verluste traten vor allem in der ersten Hälfte des Zeitraums von 24 Jahren auf. Der Vergleich der summierten Bestände aller Arten für den Zeitraum 2005 – 2009 mit dem Zeitraum 2011 – 2016 ergibt dagegen ein positives Bild. Der Gesamtbestand aller Individuen zusammen liegt aktuell bei ca. 85,6 Millionen Brutpaaren in Deutschland, das sind 4,3 Millionen mehr als im Zeitraum 2005 – 2009.
Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den Lebensräumen: Im Offenland haben sich die Verluste auch nach 2005 fortgesetzt, vor allem unter den Arten der Agrarlandschaft. Dies dokumentiert sich auch darin, dass Offenlandarten wie Braunkehlchen, Rebhuhn, Kiebitz und Turteltaube nicht nur im Bestand zurückgehen, sondern auch ihre Vorkommensgebiete im gleichen Zeitraum verringert haben. Der Anteil dieser Arten, die im Bestand über 12 Jahre zurückgehen, ist mittlerweile auf beinahe zwei Drittel gestiegen.

Der größte Zuwachs, der die vorausgegangenen Rückgänge allerdings nicht annähernd kompensieren konnte, fand seit dem Zeitraum 2005 – 2009 im Wald statt; etwa 1,6 Millionen Brutpaare sind dort wieder dazugekommen, der Anteil im Bestand abnehmender Arten ist für den Trend über 12 Jahre auf unter ein Fünftel gesunken.”

 

maßgebliche Ursachen der negativen Entwicklungen

  • hohe Nährstoffeinträge durch landwirtschaftliche Düngung und aus der Luft (atmosphärischer Stickstoffeintrag) sowie Gewässerverschmutzung aus Landwirtschaft, Verkehr, Energieerzeugung, Industrie, Gewerbe und Haushalten,
  • Nutzungsänderungen landwirtschaftlicher Flächen und in Wäldern, einschließlich der Aufgabe traditioneller Nutzungsformen wie z.B. Beweidung von Magerrasen oder Nieder- und Mittelwaldwirtschaft,
  • Erhöhung der Nutzungsintensität, etwa durch Erhöhung der Mahdhäufigkeit beim Grünland,
  • Entwässerung land- und forstwirtschaftlicher Nutzflächen sowie Grundwasserentnahme für unterschiedliche Zwecke,
  • Veränderung der Hydrologie und Morphologie von Gewässern,
  • Einsatz von Pestiziden, vorwiegend in der Landwirtschaft, aber partiell auch in der Forstwirtschaft,
  • land- und forstwirtschaftliche Nutzungen bzw. Nutzungsänderungen, die zum Verlust von Kleinstrukturen in der Landschaft oder Alt- und Totholz bzw. Altbaumbeständen führen,
  • Veränderung der Artenzusammensetzung durch ungelenkte Sukzession, oft im Zusammenhang mit Nutzungsaufgabe unrentabler Flächen,
  • Flächenverluste und Zerschneidung (Fragmentierung) durch Ausbau von Verkehrsinfrastruktur, Siedlungs- und Gewerbegebieten,
  • Ausbreitung von invasiven Arten,
  • Sport, Tourismus und Freizeitaktivitäten einschließlich Unterhaltung notwendiger Infrastruktur,
  • Ausbau erneuerbarer Energien wie Biogasanlagen (verbunden mit zunehmendem Anbau von Mais und Raps), Windkraftanlagen und Wasserkraftanlagen,
  • mangelnde Pflege (insbesondere nicht mehr wirtschaftlich nutzbarer) der Lebensraumtypen sowie der Lebensräume von europäischen Vogelarten und Arten von gemeinschaftlichem Interesse; fehlendes oder unzureichendes Management in den Natura 2000-Schutzgebieten.

 

“In der Zusammenschau wird deutlich, dass viele Treiber auf die Art und Intensität der Landnutzung, insbesondere auf eine intensive Landwirtschaft, zurück zu führen sind.

Die intensive Landwirtschaft führt zu einer immer stärkeren Homogenisierung der Landschaft, in der inzwischen monotone artenarme Lebensräume vorherrschen. Artenreiche Grünland-Lebensräume, wie extensiv genutzte Mähwiesen, Magerrasen und Nasswiesen, verzeichnen starke Rückgänge sowohl quantitativ hinsichtlich ihrer Fläche als auch qualitativ etwa hinsichtlich des vorhandenen Arteninventars.

Die Entwicklung landwirtschaftlich genutzter Lebensräume spiegelt sich auch in der Roten Liste gefährdeten Gefäßpflanzenarten wider (BfN 2018). Aktuell sind demnach 1.030 Arten (28,2 %) bestandsgefährdet. Bei fast der Hälfte der gefährdeten Arten wurden Standortveränderungen durch Nährstoffeinträge als die wesentliche Ursache ermittelt. Viele vom Aussterben bedrohte oder gefährdete Arten finden sich unter den typischen Arten nährstoffarmer Standorte wie der Magerrasen, wie z.B. Katzenpfötchen” (gab es früher z.B. auch um Glashütte)

Vogelarten der Agrarlandschaft sind bereits seit geraumer Zeit die Sorgenkinder im Vogelschutz. Die bundesweiten Bestände von Rebhuhn und Kiebitz sind im Zeitraum von 1992-2016 dramatisch eingebrochen, sodass heute nur etwa ein Zehntel der noch vor einem Vierteljahrhundert vorhandenen Bestände dieser Arten in Deutschland vorzufinden ist. Auch ehemals häufige Arten wie Feldlerche und Star haben erhebliche Bestandseinbußen erlitten. Insbesondere die deutlich gesteigerte Maisanbaufläche – und auch der zunehmende Rapsanbau – wirkt sich negativ auf die Brutpaarzahlen vieler Arten aus. Hohe Anteile von Grünland und Brachflächen sind dagegen positiv für die Agrarvögel.

Auch durch Schutzgebiete kann diese Entwicklung bisher insgesamt nur verlangsamt werden. Viele Naturschutzgebiete sind sehr klein und somit zahlreichen äußeren Einflüssen wie z.B. Düngeeinträgen oder Abdrift von Pflanzenschutzmitteln aus umliegenden Flächen ausgesetzt.

NATURA-2000-Gebiete: Für einen effektiven Schutz der Gebiete ist es jedoch erforderlich, das Management der Gebiete wesentlich zu verbessern. …  Dies bedeutet zum einen flächendeckend geeignete Strukturen zu schaffen, die eine professionelle Betreuung der Gebiete und die Umsetzung von Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen sicherstellen. Analysen der für die Umsetzung von Schutz- und Pflegemaßnahmen in Natura 2000-Gebieten sowie weiteren darüber hinaus für die Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen zu Verfügung stehenden EU-Fonds … belegen eine eklatante Unterfinanzierung. … Demgegenüber muss eine ausreichende Finanzierung für das Schutzgebietsnetz Natura 2000 sichergestellt werden, damit es nicht nur seine ökologischen und gesellschaftlichen Wirkungen entfalten kann, sondern auch die europäischen Vorgaben zu einem günstigen Erhaltungszustand seiner Schutzgüter erreicht werden.”

“Auch über die Schutzgebiete hinaus sind über extensiv genutzte Verbundachsen die Etablierung eines funktionalen Biotopverbundsystems … erforderlich. Der Biotopverbund ist auch eine zentrale Anpassungsstrategie in Zeiten des Klimawandels.”

“Der Klimawandel wird in den Berichten (noch) vergleichsweise weniger häufig als Beeinträchtigung genannt, zahlreiche Studien belegen aber dessen zunehmende Bedeutung. Auch konnten die Auswirkungen der ausgeprägten Trockenperioden der letzten beiden Jahre noch keinen Eingang in den FFH-Bericht finden, der sich im Wesentlichen auf Erhebungen aus den Jahren 2012 bis 2017 bezieht.”

“Trotz ungünstiger Rahmenbedingungen, die sich in der negativen Entwicklung des Zustands vieler Lebensräume und Arten des Offenlands zeigen, können und konnten bisher durch konsequentes (Naturschutz-)Handeln lokal und regional viele Erfolge erzielt werden:

– Maßnahmen zur Renaturierung und Durchgängigkeit von Fließgewässern

– gezielte Artenschutzprojekte.

– Wiedervernässungsmaßnahmen”

 

Zustand einiger Lebensraumtypen und Arten, die auch im Ost-Erzgebirge vorkommen, in der Bezugsregion “Ost- und Süddeutschland” (kontinentale Region)

FFH-Lebensraumtyp Zustand Tendenz
nährstoffarme Stillgewässer mit Strandlingsgesellschaften
nährstoffreiche Stillgewässer mit Wasserpflanzen – –
Fließgewässer mit Wasservegetation
artenreiche Borstgrasrasen
Pfeifengraswiesen – –
feuchte Hochstaudenfluren
Magere Flachland-Mähwiesen – –
Berg-Mähwiesen – –
lebende Hochmoore
renaturierungsfähige degradierte Hochmoore – –
Übergangsmoore
Silikatschutthalden +
Silikatfelsen mit Felsspaltenvegetation +
Hainsimsen-Buchenwälder +
Waldmeister-Buchenwälder +
Schlucht- und Hangmischwälder +
Moorwälder – –
Erlen-Eschen-Weichholzauenwälder – –

 

FFH-Art Zustand Tendenz
Baummarder +
Fischotter
Iltis
Haselmaus
Bechsteinfledermaus
Braunes Langohr +
Breitflügelfledermaus
Großer Abendsegler
Großes Mausohr
Kleine Hufeisennase – –
Mopsfledermaus
Nordfledermaus +
Rauhhautfledermaus ?
Wasserfledermaus +
Zwergfledermaus +
Glattnatter/Schlingnatter
Zauneidechse
Kammmolch
Bachneunauge +
Groppe +
Lachs – –
Dunkler Ameisen-Wiesenknopfbläuling
Heller Ameisen-Wiesenknopfbläuling – –
Spanische Flagge/Russischer Bär +
Grüne Keiljungfer +
Eremit/Juchtenkäfer
Edelkrebs – –
Arnika
Scheidenblütgras