„Ä Tännchen“ dürfte etwas untertrieben sein für eine wahrscheinlich 160-/170-jährige Weiß-Tanne, die mit 40 Metern Höhe und einem Meter Stammdurchmesser zu den mächtigsten ihrer Art im Ost-Erzgebirge zählt.
Auf den Baum an der Bielatalstraße aufmerksam geworden waren die Schülerinnen und Schüler der Altenberger Madagaskar AG, als sie 2023 zum ersten Mal Müll aus dem Bergloch direkt hinter ihrem Stamm herauswuchteten. Seither folgten hier noch mehrere weitere Müllberäumungsaktionen, und ein Ende ist nicht abzusehen. Es hilft der alten Tanne ungemein, wenn ihre Wurzeln nicht mehr zwischen verrottenden Altgeräten und Autoreifen, auslaufenden Batterien, Arzneimittelfläschchen und allen möglichen anderen Unrat aus mehreren Jahrzehnten wachsen müssen!
„Müll“ gehört zu den verbindenden Themen der Madagaskar AG mit den Partner-Jugendlichen im ostmadagassischen Regenwalddorf Anjahambe. Auch die Mitglieder des dortigen „Analasoa-Clubs“ engagieren sich regelmäßig mit Müllsammelaktionen. Vor allem aber setzen sich die jungen madagassischen Freunde ebenfalls für Wald-Erhalt ein, für Wiederaufforstung und den Schutz seltener Gehölze. („Analasoa“ bedeutet übersetzt: „Guter Wald“).
Im letzten Jahr hatte eine von den Madagaskar-AG-Schülern entwickelte Projektidee rund um die alte Bielatal-Weißtanne zwei Preise bekommen („Machen!2025“, „Wettbewerb für Jugendliche: Artenschutz für Pflanzen“). Es geht dabei um die Verhinderung weiterer Müllablagerungen, aber auch um die Schaffung von günstigen Bedingungen für den Nachwuchs der alten Tanne. Mehrfach wegen terminlicher Schwierigkeiten der auch anderweitig vielseitig engagierten Schülerinnen und Schüler verschoben, fand nun am letzten Herbstferiensonntag ein praktischer Naturschutzeinsatz statt. Acht Madagaskar-AGler von Klassenstufe 5 bis 12 trotzten der heftigen Regen- und Sturmfront, die just an diesem Tag durchzog.
Angeleitet von zwei Mitgliedern der Grünen Liga Osterzgebirge stellten sie unterhalb der alten Weiß-Tanne am Straßenrand eine Infotafel auf, die sie selbst entworfen hatten (Überschrift: „Ä Tännchen please“, ein engl-eutsches Wortspiel). Parallel dazu wurde am Vormittag der dichte Buchen-Jungwuchs im Umfeld der Tanne etwas aufgelichtet, damit deren Samen hier Licht zum Keimen bekommen.
In diesem Herbst allerdings erreichen nur wenige ihrer Samen hier den Boden. Bereits Ende August wurden ihre Zapfen beerntet und anschließend in der Sonne und hinter dem Ofen getrocknet. Die Zapfenschuppen öffneten sich und entließen die dahinter verborgenen Tannensamen in zwei großen Kisten.
Am Nachmittag des Tannen-Tags legten die Madagaskar-AGler im Gelände der „Biotoppflegebasis Bielatal“ eine Mini-Baumschule an. Mühsam und kräftezehrend zunächst die Entfernung der Rasennarbe für ein ca. 20 Quadratmeter großes Saatbeet: Trotz des heftigen Regens ist der Boden bis nahe der Oberfläche knochentrocken – entsprechend schwierig, hier mit Pflanzhacken und Spaten voranzukommen. Muskelkater garantiert! Dann verteilten die Schülerinnen und Schüler die Tannensamen in gleichmäßigen Reihen auf der neu geschaffenen Anzuchtfläche. Durch einen hohen Zaun vor Wildverbiss geschützt und im Halbschatten benachbarter Gehölze, sollten die Samen hier günstige Keimbedingungen haben.
Um erfolgreich zu sein, braucht das Projekt aber auch in den nächsten Jahren die Unterstützung der Schülerinnen und Schüler: vor allem Unkrautjäten aller paar Monate und Gießen bei sommerlicher Trockenheit. Wichtige Erkenntnis: Naturschutz braucht „nachhaltiges“ Engagement! Die „Großen“ der Madagaskar AG werden schon nicht mehr in Altenberg an der Schule sein, wenn die jetzt in den Boden gelegten Samen als „Tännchen“ von den jüngeren AG-Mitgliedern in den Wald gepflanzt werden können.
Auch die heute 160-/170-jährige Alttanne im Bielatal begann ihr langes Leben als Samen, aus dem ein „Tännchen“ heranwuchs. Das Gymnasium Altenberg gab es noch lange nicht, geschweige denn eine „Madagaskar AG“. Madagaskar war ein für Europäer fernes, unbekanntes und wahrscheinlich dicht bewaldetes Land. Der Bergbau im Bielatal lag in seinen letzten Zügen; rund um die bis dahin kahlen Halden und Berglöcher keimten, unter anderem, kleine Weiß-Tannen. Spannende Geschichten, die unsere ältesten Osterzgebirgler bereithalten!
Wer weiß, was die jetzt gesäten Tännchen in den nächsten 160/170 Jahren so alles erleben mögen?
