Um es klar voranzustellen: weiterhin Kohle, Erdöl oder Erdgas zu verfeuern, um unsere Energie-Gier zu befriedigen, kann keine Option sein. Ausgetrocknete Bäche und 40 Grad zu Sommerbeginn sollten den letzten Zweifel ausgeräumt haben, dass der Klimawandel grad Fahrt aufnimmt.
Doch was passiert, wenn nicht die Energie-Gier selbst auf den Prüfstand gestellt wird, sondern die „Fossilen“ einfach nur durch „Erneuerbare“ ersetzt werden sollen, das zeichnet sich derzeit auch im Ost-Erzgebirge ab: großflächige technische Überprägung der kleinteiligen Kulturlandschaft. Vermeintlicher (?) Klimaschutz zulasten der Biologischen Vielfalt, damit wir unseren energetischen Überwohlstand bloß nicht einschränken müssen!
Über die Hochflächen zwischen Müglitz und Gottleuba verläuft ein überregional sehr bedeutender Vogelzugkorridor. (Viele Zugvögel folgen zunächst der Elbe, meiden dann aber die zusammenhängenden Wälder über dem Elbsandsteingebirge, überqueren stattdessen den Kamm des Erzgebirges über dessen waldarme, nicht mehr allzu hohen Ostflanke.) Das Offenland wird unterbrochen durch tief eingeschnittene Bachtäler mit steilen Hangflanken, die einer allzu intensiven Bewirtschaftung naturgegebene Grenzen setzen. Die Osterzgebirgsgneise werden außerdem im Nordosten abgelöst durch die vielfältigen, zum Teil kalkhaltigen Gesteine des Elbtalschiefergebirges. Eine enorme Fülle an unterschiedlichen Lebensräumen und eine hohe Artenvielfalt konzentrieren sich in dieser Gegend. Davon zeugen mehrere Naturschutzgebiete, vor allem aber ein dichtes Netz europäischer Natura-2000-Gebiete entsprechend Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie sowie EU-Vogelschutz-Richtlinie.
Als vor 20, 25 Jahren hier die Autobahn A17 gebaut wurde, war dies schon ein schwerwiegender Eingriff in diesen ökologisch sehr besonderen Teil des Erzgebirges. Zum Glück blieben die damals vorgesehenen Gewerbe- und Industrieansiedlungen beiderseits der Asphalt-Barriere aus. Was freilich nicht heißt, dass die Begehrlichkeiten vom Tisch wären: Zinnwald Lithium (jetzt von der AMG Lithium GmbH übernommen) plant bei Liebenau eine Chemiefabrik sowie eine gigantische Halde. Bei Wingendorf will die Deutsche Bahn einen Zugang zum geplanten „Erzgebirgstunnel“ öffnen (wo im schlimmsten Fall größere Abraummengen zutage gefördert werden können). Auch weitere Windkraftanlagen stehen im Regionalplan.
Und jetzt werden noch etliche Solarparkplanungen bekannt, Stück für Stück, wie die Scheiben einer Salami:
– 2023/24: „Göppersdorf 1“ (zwei Flächen, 74 ha)
– 2024: „Göppersdorf 2“ (drei Flächen, 60 ha)
– 2024/25: „Liebstadt“ (vier Flächen, 67 ha)
– 2025/26: „Waltersdorf“ (zwei Flächen, 89 ha)
– 2026: „Großröhrsdorf“ (vier Flächen, 63 ha)
– 2026: „Biensdorf“ (drei Flächen, 85 ha)
Zusammengerechnet entspricht dies über 600 Fußballfeldern, oder rund 340 Dresdner Altmärkten, oder der zweieinhalbfachen Fläche des Naturschutzgebiets „Seidewitztal“. Möglicherweise ist die Solarpark-Liste aber auch noch unvollständig. Es kursieren Gerüchte über weitere Planungen beiderseits der Seidewitz. Eine offizielle Übersicht aller Photovoltaikvorhaben in dem Gebiet scheint es nicht zu geben.
Für jedes der Teilvorhaben werden separate Planungsunterlagen samt Naturschutzgutachten erstellt, von nicht-ortsansässigen Planungsbüros. Erwartungsgemäß kommen alle diese Gutachten zum Ergebnis, dass von den Anlagen keine negativen Auswirkungen ausgehen werden. Zumal es sich ja bisher ohnehin nur um artenarme, intensiv genutzte Agrarflächen handeln würde – was bei mehreren Teilbereichen so gar nicht stimmt. Die Dokumente werden offenbar unter hohem Zeitdruck erstellt, quasi „am Fließband“, was sich mitunter an völlig unpassenden Textbausteinen ablesen lässt, z.B.: „Aufgrund … der Abstimmungen mit den zuständigen unteren Naturschutzbehörden der Landkreise Oberspreewald-Lausitz und Elbe-Elster wird das prüfrelevante Artenspektrum …“ (Solarpark Biensdorf, Dokument 4a_Artenschutzbeitrag_260106, S.8)
Besonders schlimm wirkt sich aus, dass durch die Aufspaltung in viele verschiedene Einzelprojekte die Gesamtauswirkungen auf den Landschaftsraum, auf Flora und Fauna verschleiert werden. Dabei untersagt das UVP-Gesetz sehr eindeutig eine solche „Salamitaktik“ (Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung, §§10-12)!
Soweit erkennbar, liegen alle Teilflächen der Solarplanungen knapp außerhalb der Grenzen von FFH- und Vogelschutzgebieten. Muss sicher gar nicht so einfach gewesen sein, die Planungen in das hier besonders engräumige Mosaik dieser europäischen NATURA-2000-Schutzgebiete einzupassen! Mit einigen argumentativen Anstrengungen haben anschließend die beauftragten „Grünplaner“ für die Einzelvorhaben postuliert, dass davon auch keine Risiken für die geschützten Arten und Lebensräume in den NATURA-2000-Gebieten ausgehen. Demzufolge seien keine (aufwendigen) FFH-Verträglichkeitsprüfungen erforderlich. Doch die FFH-Richtlinie verlangt auch „Kohärenz“ – d.h., dass die NATURA-2000-Gebiete ein ökologisch schlüssiges und funktionsfähiges Gesamtsystem bilden sollen. Die Aufspaltung großflächiger Photovoltaik-Überbauung in zahlreiche Einzelprojekte läuft der Wahrung der Kohärenz des Natura-2000-Systems hier an der Ostflanke des Erzgebirges eindeutig zuwider!
Sowohl eine (umfassende) Umweltverträglichkeitsprüfung als auch eine (spezielle) FFH-Verträglichkeitsprüfung erfordern die Betrachtung von Alternativ-Varianten zu den vorgelegten Plänen. Alternative Flächen in diesen Größenordnungen in der Region zu finden, die weniger konfliktbelastet wären, ist im Vogelzugkorridor und zwischen den NATURA-2000-Gebieten kaum möglich. Wobei sich allerdings eine Variante geradezu aufdrängt: die Nutzung der Autobahn A17! Es gibt auch inzwischen in Deutschland einige Projekte, wo Autobahnabschnitte mit Fotovoltaik überdacht werden (Autobahnkreuz München Ost), und mehr noch an Lärmschutzwänden.
Vielleicht ist es ja doch kein zwangsläufiges Faktum, dass „Energiewende“ regelmäßig auf Kosten der „Biologischen Vielfalt“ gehen muss? Keine Frage: eine solche Autobahnüberdachung wäre vielfach teurer als einfach hektarweise Solarmodule in die Landschaft zu stellen, ans Stromnetz anzuschließen und große Zäune drum herum zu ziehen. Aber dann müssten wir Energieverbraucher die Kosten zahlen – und nicht so sehr die Zugvögel und die Bewohner der NATURA-2000-Gebiete.
Und vielleicht kämen wir dann von ganz allein auf die beste Lösung für Klima und Natur: Energieverbrauch drastisch reduzieren!
