Für viele war es immer der Höhepunkt im jährlichen Naturschutzeinsatzkalender der Grünen Liga Osterzgebirge: das gemeinsame Wochenende mit tschechischen Naturfreunden am Lipská hora. Was für eine traumhafte Kulisse geradezu unwirklich exotisch anmutender Vulkanberge! Dazu die anregenden Gespräche mit den Freunden von der anderen Seite der Grenze, Camping auf einfachem Niveau, Essen vom Lagerfeuer, frisches Obst von den Bäumen ringsum. Selbst das stundenlange Dröhnen der Motorsensen und der beißende Qualm der Monsterfeuerhaufen von Gestrüpp und Gras konnten dem keinen Abbruch tun. Schon gar nicht die harte Arbeit, die mit der Entbuschung und Mahd einherging. Käuzchenrufe und Hirschröhren am Abend sowie der Sonnenaufgang auf dem Lipska hora am Morgen waren als „Rahmenprogramm“ mehr als lohnenswert.
Als wir 2009 mit den Lipská-hora-Einsätzen begannen, hatte dichte Verbuschung den früher mal mit Schafen beweideten, etliche Hektar großen Streuobstwiesenhang weitgehend überwuchert. Nur eine kleine Ecke in der Nähe der Straße hielt das „Tým Bořena“ frei. Aktivisten des „Borschen-Teams“ hatten einstmals seltene Pflanzen vor dem Kohlebergbau bei Bílina gerettet und ihnen hier ein neues Zuhause gegeben.
Die erste Bresche, die wir nach langen Jahren der Verbuschung wieder ins Dickicht schlugen, wirkte vom Gipfel des Lipská hora wie der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Doch die Freifläche – durchsetzt mit alten Nuss- und Obstbäumen sowie einzelnen Strauchbereichen – wurde von Jahr zu Jahr etwas größer, mithin auch der Lebensraum für die bedrohte Wiesenflora auf dem Kalkmergel-Südhang. Irgendwann mussten wir auch das gemähte Gras auch nicht mehr verbrennen. Stattdessen half es einer kleinen Schäferei im übernächsten Dörfchen Skalice, dürrebedingten Futtermangel zu lindern.
In den nächsten Jahren übernahm die Schäferei auch Stück für Stück die Beweidung am Fuß des Lipská hora. Was 2009 noch unvorstellbar schien, wurde wahr: die botanisch wertvolle Fläche kam wieder in eine sinnvolle Nutzung. Schafshutung hatte einstmals zur Entstehung der Artenvielfalt wesentlich beigetragen. Schafsweide (wenngleich heute in Koppelhaltung) soll auch künftig helfen, die Artenvielfalt zu erhalten. 2023 fand der letzte tschechisch-deutsche Naturschutzeinsatz hier statt. In die Freude über die neuen Perspektiven der Lipská-hora-Biotope mischte sich Wehmut, dass die gemeinsamen Erlebnisse hier zu Ende gingen.
Und so reifte die Idee, an anderer Stelle fortzusetzen. Der „Testlauf“ fand am vergangenen Wochenende (11. bis 13. September) statt. Unsere Zelte bauten wir diesmal nicht in (gefühlt) maximaler Entfernung der Zivilisation auf, sondern am Rande des Schäferei-Hofes in Skalice. Die Aussicht war hier nicht so spektakulär, dafür gab es den „Luxus“ fließenden Wassers und einer winzigen Küche. Und eine nette Schäferin, die sich am Samstagabend Zeit für unsere Fragen und am Sonntag für eine Exkursion zu ihren am Lipská hora weidenden Schafen nahm.
Gearbeitet wurde auf einer anderen ihrer Schafkoppeln, einige Kilometer entfernt beim Weiler Chrastná, am Hang eines Hügels namens Třešňovka. Hier zeigten sich die Grenzen der Schafbeweidung als alleinige Biotoppflege in unserer heutigen Zeit. Vermutlich bedingt durch Trockenheit und Oberbodenversauerung macht sich Land-Reitgras breit, das selbst von sehr genügsamen Schafen (und Ziegen) nicht gefressen wird. Außerdem können Brombeeren und einige weitere „weideverträgliche“ Arten zum Problem werden. Eine zusätzliche Pflegemahd ist hier unbedingt nötig, um eines der wenigen Vorkommen von Wiesen-Kuhschelle zu erhalten.
Das Panorama von der Třešňovka-Kuppe wirkt noch grandioser als am früheren Ort des Naturschutzeinsatzes im Böhmischen Mittelgebirge. Neben zahlreichen anderen Vulkanbergen erhebt sich mächtig der Kegel des Lipská hora.
Am Ende waren sich die langjährigen Teilnehmer der tschechisch-deutschen Aktion einig: eigentlich würden wir gern wieder dorthin zurückkehren. Ohne fließendes Wasser und Küche, aber mit Outdoor-Romantik pur. Und beim Sonntagsausflug an unserer alte Wirkungsstätte zeigte sich: auch hier wäre zusätzliche Nachmahd zur Schafbeweidung unbedingt sinnvoll, um die Artenvielfalt zu erhalten.
Mal sehen, ob und wo sich nächstes Jahr der Naturschutzeinsatz im Böhmischen Mittelgebirge organisieren lässt. Die geradezu unwirklich exotische Vulkankegellandschaft und das harmonische Miteinander der tschechischen und deutschen Naturfreunde machen Hoffnung auf Fortsetzung der Tradition.
Jens Weber








