Wenn ich Ende März das Gartentor für mich schließe und damit mein Berufsleben beende, schaue ich auf fast 17 Jahre Gartenleitung zurück.
Als ich am 15. Mai 2008 in Schellerhau anfing, war das der berühmte Sprung ins kalte Wasser. Zwar hatte ich viel Erfahrung in Gartengestaltung (Gartendenkmalpflege, Privatgärten), kannte mich auch in allen anderen Bereichen der Garten- und Landschaftsarchitektur und auch in der Pflanzenverwendung ganz gut aus, aber die alpine Flora war Neuland für mich. Umso spannender war diese neue Arbeitsaufgabe.
Wenn ich nun zurückschaue, überwiegen Dankbarkeit, dass ich diesen tollen Beruf ausüben konnte und Zufriedenheit über das Erreichte. Was ist nun in 17 Saisons im Bergblumengarten passiert?
In die Einrichtung, die jährlich von Mai-Oktober geöffnet hat, kamen von 2008-2024 rund 170.000 Besucher. Der Botanische Garten lockt seine Besucher ja nicht mit Gewächshäusern und exotischen Pflanzen wie Kaffee oder Kakao, sondern mit interessanten, oft auch mit höchstem Schutzstatus bedachten Arten der Erzgebirgsflora und mit alpinen Arten Europas, Asiens und aus Nordamerika. Daher spielt das Wetter eine entscheidende Rolle für die Besucher. Und das ist hier im Oberen Osterzgebirge mit einer Jahresmitteltemperatur von nur 5° C sehr speziell.
In der Saison 2014 hatten wir seit Beginn der Statistik (1996) rund 14.500 Gäste. Das war ein Besucherrekord. Ebenso gab es mit 2.400 Besuchern beim Gartenfest 2010 die meisten Gäste in all den Jahren.
Das Gartenfest & Osterzgebirgische Naturmarkt wird seit 1996 immer am 1. Sonntag im Juli gefeiert. Der große Naturmarkt zum Gartenfest wurde bis 2023 stets vom Landschaftspflegeverband Sächsische Schweiz-Osterzgebirge e.V. in Ulberndorf organisiert. Meistens kamen um die 50 Händler nach Schellerhau, um hier ihre Waren anzubieten. Das Kulturprogramm, Gespräche bei leckerem Essen & Trinken, Garten- und Kräuterführungen boten den ganzen Tag über eine niveauvolle, abwechslungsreiche Unterhaltung. In diesem Jahr versuchen die Mitglieder des Ortschaftsrates Schellerhau die Veranstaltung zu organisieren, weil der LPV keine Kapazitäten und der Botanische Garten keine Leitung mehr hat. Da wir nun bereits im Frühjahr sind und es nur noch ein viertel Jahr bis zum Termin ist, wird es schwierig Händler und Künstler vertraglich zu binden.
Ab 2006, dem Jahr des 100. Geburtstages der Gartenanlage, kam dann immer am letzten Sonntag im August noch das Kräuterfest „Kräuterlust im August“ dazu. Beim Kräuterfest ging es nur um Kräuter und ihre Anwendung in der Hausapotheke und in der Küche und Händler bieten traditionell nur Kräuter und Kräuterprodukte an. Im vergangenen Jahr konnten wir zum Kräuterfest erstmals den „Schellerhauer Kräutertee“, kreiert und gemischt von der Firma Kräuter-Seifert aus Dresden, zum Verkauf anbieten.
Beide Feste zogen jedes Jahr viele Besucher an und sind in der Region eine feste Größe im Veranstaltungskalender. Die Semmelmilda, unser Schellerhauer Original, war stets dabei und gab ihr Kräuterwissen in Führungen und Gesprächen weiter.
Die Schellerhauer Vereine haben die Feste immer mitgetragen und tatkräftig unterstützt.
Im Sommer kamen seit 1996 jährlich im Rahmen des Schellerhauer Naturschutzpraktikums Studenten für einen Tag in den Garten, um die Bärwurzwiese mit der Sense zu mähen oder andere Pflegearbeiten zu übernehmen. Das war eine großartige Unterstützung!
Mit Fördermitteln der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt (LaNU) konnten wir 2009/2010 eine Grundsanierung der Steinrücke am östlichen Ende der Gartenanlage beginnen. Neben umfangreichen Fällarbeiten mussten auch Heidelbeere und Himbeeren zurückgeschnitten und entfernt werden. Die Steine wurden von Grassoden befreit, der Humus entfernt und die Steine wurden wieder neu aufgeworfen. Wildapfel, Wildrosen und selbst angezogene Feuerlilien wurden gepflanzt.
Seitdem finden jährlich Pflegedurchgänge durch Studenten statt, um das typische Biotop Steinrücke „am Leben“ zu halten.
Ein Kraftakt für die Mitarbeiter war im Herbst 2014 die Teilsanierung der Wege bei laufendem Gartenbetrieb. Zwei Jahrzehnte Regen und Schnee im hängigen Gelände hatten Spuren hinterlassen. In Vorbereitung der Baggerarbeiten mussten entlang der Wegränder die Pflanzen ausgegraben und eingeschlagen werden. Nach Abschluss des Wegedeckenaufbaus mussten die Wegränder bis zum gewachsenen Boden mit Komposterde aufgefüllt und die Pflanzen wieder eingesetzt werden. In Erinnerung ist mir auch, dass wir oft im Schlamm wühlten, weil es viel und stark regnete. Finanziert wurden die Arbeiten über Fördermittel des Familienministeriums im Rahmen der Aktion „Lieblingsplätze für alle“.
Seit vielen Jahren arbeiten wir gut mit dem Berufsbildungswerk des Sächsischen Garten-, Landschafts- und Wasserbaus zusammen. Jährlich fand ein Arbeitseinsatz im Garten statt wie zum Beispiel die Steinrückenpflege, Teichentschlammung des oberen Teiches oder auch die Aufarbeitung eines Sturmschadens, der für die Teilnehmer zur Lehrstunde in Problembaumfällung wurde. Für Ende Juni 2025 ist die Entschlammung des unteren Teiches geplant.
Der Botanische Garten Schellerhau fühlte sich auch immer der Umweltbildung verpflichtet. So führten wir von 2011-2014 Weiterbildung für sächsische Revierförster durch. Als der Sachsenforst dann von mir den Nachweis eines pädagogischen Abschlusses verlangte, endete das beliebte Angebot.
Jährlich haben wir uns bei den „Frühlingsspaziergängen“ mit einer geführten Wanderung vom Bahnhof Altenberg vorbei an den Orchideenwiese an den Galgenteichen bis hin zum Bergblumengarten und einem anschließenden Gartenrundgang zu besonderen Pflanzenschätzen beteiligt.
Umweltbildung spiegelte sich auch in den fachbezogenen Ausstellungen wider. Die Themen richteten sich in jedem Jahr nach dem Motto der Woche der Botanischen Gärten und sie wurden von mir fachlich umgesetzt. In drei Jahren zeigte hier die Grüne Liga wunderschön gestaltete Ausstellungen zu den Themen „Die wilde Verwandtschaft unserer Obstsorten – heimisches Wildobst im Fokus der Forschung“ (2014), „Bergwiesen – ein unterschätztes Kulturgut im Osterzgebirge“ (2017) und „Baumdenkmale – Fotoportraits der ältesten Osterzgebirgler“ im Rahmen des Projektes „Alte Bäume = Lebensräume“ von Grüne Liga OE e.V. und der Tharandter Professur für Biodiversität und Naturschutz der TU Dresden (2022).
Des Weiteren gab es jedes Jahr zwei Kunst- oder Fotoausstellungen. Hobby-Künstler der Region präsentierten ihre Werke. Besondere Fotoausstellungen waren die des Ehepaars Brümmer aus Dresden (Insekten, Schmetterlinge) und die von Gerold Pöhler, u.a. zu geologischen Denkmalen in unserer Region.
So sind in den vergangenen Jahren 48 Ausstellungen gezeigt worden, die die Besucher zusätzlich zum Gartenrundgang anschauen konnten.
In diesem Jahr wird die letzte Ausstellung des vergangenen Jahres „Nur der Gärtner weiß, was ihm morgen blüht …“ noch einmal gezeigt. Der Rückblick auf die wechselvolle Gartengeschichte seit 1906 ist nach wie vor aktuell.
Ein botanischer Garten ist nicht nur Ausflugsziel oder Erholungsort, er muss auch den wissenschaftlichen Anforderungen gerecht werden.
So wurden jährlich vor Saisonbeginn die Pflanzen exakt beschildert, damit Besucher sich individuell bilden konnten. Verschiedene Garten- und thematische Führungen basierten u.a. auf den Erklärungen zu speziellen Arten und Biotopen bzw. Pflanzengesellschaften.
Eine fachgerechte Pflege der Pflanzensammlungen, ihre Erweiterung und auch der jährliche internationale Saatguttausch mit anderen botanischen Gärten waren selbstverständlich.
Der Garten setzte sich auch immer für Artenschutzprojekte ein. Mit den entsprechenden Fördermitteln dafür konnte die Einrichtung mitfinanziert werden. So zogen wir z.B. folgende geschützte Arten an:
- 2010 – März 2025 Karpaten-Enzian
- 2013 – März 2025 Sächsischer Fransenenzian
- 2011-2018 Anzuchten verschiedener Arten für die Bergwiesen
- 2010-2022 Klaffender Eisenhut
- 2021-2022 Anzuchten für ein Projekt der HTW Dresden für die Bergwiesen Oelsen
- 2023-2024 Projekt der HTW Dresden, Arnika und Trollblume für Oelsener Wiesen.
Über die Kleinprojekteförderung LEADER konnten wir leichte Klapptische und einen Pavillon anschaffen, das Holzpodest „Grünes Klassenzimmer“ komplett neu aufbauen und einen Pfad mit Lehrtafeln und Nistkästen zu den Vögeln im Botanischen Garten gestalten.
Andere Projekte konnten leider nicht durchgeführt werden, weil wir kein geeignetes Personal fanden.
Ein großer Einschnitt war 2018 der Ausschluss der Gärten aus der Kulturraumförderung des Landkreises Meißen – Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Trotz einer Petition an den Sächsischen Landtag konnten wir die Rücknahme der Entscheidung nicht erreichen. Daraufhin wurde ab 2019 eine Gärtnerstelle nicht mehr besetzt. Die Arbeitsbelastung für die insgesamt vier Mitarbeiter (einschließlich Leiter) war enorm. Trotzdem bescheinigten uns unsere Besucher immer einen guten Pflegezustand und einen guten Pflanzenbestand.
Der nächste Einschnitt folgte 2022, als der Förderverein für die Natur des Osterzgebirges e.V. den seit 2001 geltenden Bewirtschaftungsvertrag für den Botanischen Garten und das Georgenfelder Hochmoor bei der Stadt Altenberg zu Jahresende kündigte und die beiden Einrichtungen an die Stadt zurückgab. Die Mitarbeiter wurden zwangsläufig ebenfalls gekündigt.
Als im Frühjahr 2023 der Landesverein Sächsischer Heimatschutz e.V. in bereits gestellte Fördermittelanträge einsprang und diese dann auch genehmigt wurden, entschloss sich die Stadt Altenberg, beide Einrichtungen für zwei Jahre erstmal weiter zu betreiben und stellte die ehemaligen Mitarbeiter mit auf zwei Jahre befristeten Arbeitsverträgen wieder an.
Obwohl die Stadt Altenberg spätestens seit Januar 2024 weiß, dass ab 1. April 2025 die Stelle der Gartenleitung frei wird, hat sie diese Stelle sicher vor dem Hintergrund leerer Kassen bisher nicht ausgeschrieben. Aber aus diesem Grund konnten keine Fördergelder für die beiden Kleinenziane und andere mögliche Projekte beantragt werden. Nun ist seit 1. März 2025 ein Antragsstopp für den ELER-finanzierten Teil der Förderrichtlinie Natürliches Erbe (FRL NE/2023) verhängt. Da diese Erhaltungskulturen in die Rubrik A.1 – Biotopgestaltung und Artenschutz fallen, sind Karpaten-Enzian und Sächsischer Fransen-Enzian auch vom Antragsstopp betroffen! Für den Karpaten-Enzian hat die Landesstiftung Natur und Umwelt finanzielle Unterstützung signalisiert, die derzeit geprüft wird.
Aber letztlich müssen erfolgreiche Maßnahmen zum Artenschutz und zum Erhalt von Genpotential abgebrochen werden. Der Stadt Altenberg entgeht damit auch eine Möglichkeit der Mitfinanzierung des fast 120 Jahre alten Botanischen Gartens in Schellerhau.
Die ehemaligen Mitarbeiter haben bereits unbefristete Arbeitsverträge ab April 2025 bekommen, können aber alleine den Garten nicht angemessen betreiben und den Artenbestand und den Pflegezustand halten. Es wird also weitergehen, aber das „wie“ wird sich zeigen.
Sinnvoll für den Bergblumengarten Schellerhau wäre die Gründung eines Freundeskreises. Wir hatten 2018 bereits erste Schritte unternommen, kamen aber aus zeitlichen Gründen nicht weiter. Da viele botanische Gärten durch ihre Fördervereine oder Freundeskreise große Unterstützung erfahren, ist es wünschenswert, auch für Schellerhau nochmal einen Versuch zu starten. Wenn es Interessenten gäbe bzw. jemand sich im Anfang den Hut für die Organisation aufsetzen würden, würde er durch Herrn Schulze Unterstützung finden.
Seit Dezember 2023 arbeitet Bodo Schulze bei der Landesstiftung Natur und Umwelt (LaNU) als Referent für die nicht-universitären botanischen Gärten in Sachsen. Die LaNU setzt sich für den Verbund dieser Gärten ein, kann mit Informationen und Angeboten zur Förderung von Naturschutz- und Umweltprojekten, Ehrenamtsengagement und Freiwilligendienste oder auch Werbung unterstützen. Der regelmäßige Erfahrungsaustausch der Gartenleiter und die Entwicklung gemeinsamer Strategien sollen den Fortbestand der Gartenanlagen und ihre Bekanntheit fördern.
Auch wenn der Anfang für mich nicht leicht war, weil es einige Vorfälle wie Sabotage etc. gab und ich nicht wusste, ob es sich gegen den Garten oder gegen mich richtete, habe ich beharrlich die Arbeiten fortgesetzt und das mit von Jahr zu Jahr immer weniger werdenden Mitarbeitern. Auch wenn aus objektiven Gründen manche Projekte nicht umgesetzt werden konnten, blicke ich auf eine gute Zeit zurück. Meine Kollegen und ich haben den Garten weiterentwickelt und alles getan, um dieses Kleinod für interessierte Besucher zu erhalten.
Ich bedanke mich bei allen Partnern, mit denen wir in den vielen Jahren zusammengearbeitet haben. Auch den ungenannten Firmen, Büros und Einrichtungen, Vereinen und Behörden gilt mein Dank für eine gute, kreative und erfolgreiche Zusammenarbeit.
Ganz besonders danke ich natürlich meinen Kollegen und ehrenamtlichen Mitarbeitern, die ebenso wie ich mit Herzblut und großem Engagement dabei waren.
Ich wünsche dem Garten viele zufriedene Besucher, eine blühende und grünende Zukunft und mindestens weitere 17 Saisons, damit das 150. Jubiläum gefeiert werden kann. Das nächste Fest ist 2026 der 120. Geburtstag!