Natur im Osterzgebirge

ND Vogelkirsche am Küchenhau bei Lauenstein

Zustand 2021: weitgehend unverändert, Pilze im Wurzelbereich

Zustand 2024: 2023 offenbar im Rahmen einer Steinrückenpflegemaßnahme o.ä. zwar einerseits freigestellt, andererseits aber durch unsachgemäße Schnittmaßnahmen am Baum selbst erheblich beeinträchtigt. Zahlreiche Äste zweiter Ordnung im Stammbereich und unteren Kronendrittel abgesägt; Schnittwunden bis zu 20 cm Durchmesser! Sehr wahrscheinliche Eintrittspforten für Pilzinfektionen!

Auch elf Jahre nach der Ausweisung zum Naturdenkmal ist dieser Baum noch immer nicht mit einem Schild als solches gekennzeichnet!

Baumbeschreibung unter baumdenkmale.org:

Umfang: 3,10 m / Höhe: 16 m (2021)

Wildkirschen können im Frühjahr die zahlreichen Lauensteiner Steinrücken in leuchtend weiße Streifen verzaubern. Und auch an deren herbstlicher Farbenpracht sind sie wesentlich mit beteiligt. Auch so einige recht große Exemplare sind dabei (insofern sie nicht übermäßiger “Steinrückenpflege” zum Opfer gefallen sind). Meist werden dann irgendwann die weit zum Licht strebenden Hauptäste zu schwer, und beim nächsten Sturm, Nassschnee oder Raueis-“Anraum” bricht so ein großer Kirschbaum auseinander.

Bei der 2014 als Naturdenkmal  neu ausgewiesenen Vogel-Kirsche zwischen Pavillon und Küchenhau ist dies bisher nicht geschehen. Vermutlich konnte der Baum von Anbeginn freistehend und konkurrenzlos aufwachsen. Er musste keine großen Anstrengungen unternehmen, um genügend Licht zu bekommen. Bereits in einem Meter (Oberhang) bzw. 1,40 Meter Höhe endet der dicke, gedrungene Stamm. Sein Durchmesser bringt es immerhin auf knapp einen Meter! Dann teilt er sich in sieben sehr kräftige Hauptäste auf, von denen einige fast waagerecht abstehen. Gemeinsam bilden sie eine außerordentlich große Krone von rund 25 Meter Durchmesser und 16 m Höhe.

An der Hangkante, auf der diese Vogelkirsche wächst, ist bereits auf einem Foto von ca. 1940 ein einzelner, relativ großer Baum zu erkennen. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bereits um das heutige Naturdenkmal handelte. Demzufolge wäre der Kirschbaum mindestens 100 Jahre alt – vermutlich noch einige Jahrzehnte älter. Für Kirschen würde dies ein durchaus beachtliches Alter sein. In der Literatur wird meist eine Lebensdauer bis 90 Jahre angegeben.

Die Hangkante selbst kann entweder durch die landwirtschaftliche Nutzung entstanden sein (Pflugkante + Lesesteinablagerung). Hier in dieser Senke  verzeichnet die Karte von Oberreit 1821 aber auch “Gemeindezechen”, also kleinräumige Bergbauunternehmungen. Mit hoher Wahrschinlichkeit wurde hier bis ins 19. Jahrhundert auch die große gutsherrschaftliche Schafherde (“Schafkuppe”!) gehütet. Bis in die jüngste Vergangenheit weideten in dem Gebiet Rinder. Aktuelle scheint das Grünland in unmittelbarem Umfeld um das  Naturdenkmal nur noch gemäht zu werden. Um so wichtiger, dass der Wurzelbereich nicht mit schwerer Technik befahren und die prächtige Krone nicht geschädigt  wird! (Leider weist auch auf dieses Naturdenkmal noch kein entsprechendes ND-Schild hin.)

Am Stammfuß zeigte sich im Herbst 2021 eine Gruppe Pilzkörper, deren Art noch nicht bestimmt wurde, aber die vermutlich nichts Gutes über den Gesundheitszustand der alten Wildkirsche anzeigen.

Hoffen wir, dass durch achtsamen Umgang mit dem Naturdenkmal auch in den kommenden Jahr(zehnt)en dessen hoher Erlebniswert während der Blüte im Frühling und der Laubfärbung im Herbst erhalten bleibt!

 

Kurzwürdigung zur Beantragung als Naturdenkmal (2010):

Vogel-Kirschen (Prunus avium) gehören – aufgrund ihrer Blütenfülle und der orange-roten Herbst­färbung – zu den auffälligsten Bäumen der nährstoffreicheren Steinrücken des unteren und mittle­ren Ost-Erzgebirges. Im Freistand bildet die lichtbedürftige Art meist nur einen (oder mehrere) kurze, gedrungene Stämme, auf denen weitausladende Kronen aufsetzen. Beides ist bei dem Kirschbaum am Küchenhau ganz typisch ausgebildet (90 cm –  1,20 m Stammlänge vom Boden bis zum Astansatz, ca. 22 m Kronendurchmesser gegenüber 15 m Baumhöhe). Allerdings brechen die mehr oder weniger waagerecht abzweigenden Äste oft unter den Schneelasten, auch neigt die Vogel-Kirsche zu Kernfäule und wird dadurch instabil. Nicht zuletzt ist gesundes Kirsch-Holz zu allen Zeiten sehr gefragt gewesen. Vermutlich gibt es aus diesen Gründen bisher im Naturraum Ost-Erzgebirge keinen einzigen Kirschbaum, der als Naturdenkmal geschützt ist.

Die Vogel-Kirsche hat ihren Verbreitungsschwerpunkt in Zentraleuropa – was für die Erhaltung der Art in ihrer genetischen Vielfalt eine hohe Verantwortung bedeutet. Jedoch: mit hoher Wahr­scheinlichkeit haben auch die zahlreichen heutigen Kultursorten der Süßkirschen ihren züchteri­schen Ausgangspunkt in den Wildkirschen der Art Prunus avium. Das hat Hybri­disierungen zur Folge, außerdem verlieren Nachkommen von Kultursorten oft schon in der ersten Generation an Fruchtgröße (und Geschmack). Die recht weite Ausbreitung der Samen (Bienen u.a. Insekten) und Früchte (verschiedene Vögel, Rotfuchs u.a.) bedingt, dass sich heute vermutlich nicht mehr fest­stellen lässt, ob es sich bei den Steinrücken-Kirschen um “echte” Wildkirschen oder verwilderte bzw. hybridisierte Nachfahren von Kulturkirschen handelt.

Zumindest ist bei dem mächtigen Exemplar am Küchenhau von einem hohen Alter (mindestens 100 Jahre) auszugehen.

Gemarkung: Lauenstein

Flurstück: 722

Eigentümer: Landratsamt Sächsische Schweiz – Osterzgebirge

Koordinaten:  5416310 / 5627772

Umfang: 2,95 m

Höhe: 15 m

Erlebniswert: ca. 80 m entfernt vom Wanderweg Lauenstein – Wildpark Hartmannmühle, beson­ders eindrucksvoll im blühenden Zustand im Frühjahr sowie im Herbst aufgrund der Laubfärbung vor der Kulisse des Rotwassertales

Gesundheitszustand: keine Schäden erkennbar

Naturschutzwert: Früchte als Nahrung für Vögel und andere Tiere; Nektar und Pollen für (Wild-)Bienen; rissige Borke mit Habitatnischen für Spinnen und andere Kerbtiere

Pflegebedarf: eventuell etwas Freistellung im Rahmen von Steinrückenpflegemaßnahmen, die derzeit für das Naturschutz-Großprojekt “Bergwiesen im Osterzgebirge” laufen (Entnahme eines Ebereschenstämmchens innerhalb des Kronenbereichs, aber nicht vordringlich); Verkehrssiche­rung nicht nötig, Wurzelraum bei möglichen landwirtschaftlichen Nutzungen des oberhalb angren­zenden Grünlandes sichern

2011

2021

2024