Natur im Osterzgebirge

ND Solitärbuche Fürstenau

Zustand 2021: erhebliche Kronenschäden durch Rauheis-Anhang (“Anraum”) im Winter 2020/21

Zustand 2024: Nach witterungsbedingt sehr zeitigem Laubaustrieb folgten Ende April kräftiger Spätfrost. Anfang Mai 2024 zeigte etwa ein Viertel der Krone Frostschäden.

Auch elf Jahre nach der Ausweisung zum Naturdenkmal ist dieser Baum noch immer nicht mit einem Schild als solches gekennzeichnet!

 

Beschreibung bei baumdenkmale.org

Umfang: 7,50 m / Höhe: 15 m  (2022)

Unter den Fürstenauern ist der frei auf der Weidefläche stehende Baum seit jeher als “Wawerliebs Buche” bekannt – die meisten anderen Naturfreunde der Region wurden vermutlich erst 2009 darauf aufmerksam. Da erschien ein Bildband zu “Unseren 500 ältesten Bäumen”[1], und unter den wenigen sächsischen Vertretern darin fand sich auch die Fürstenauer Buche. Ein fürwahr prächtiges Gehölz!

Wenngleich historische Daten fehlen, gehört die Fürstenauer Buche ziemlich sicher nicht zu den ältesten Bäumen Deutschlands. Buchen bringen es auf maximal 300 bis 500 Jahre[2], während etwa von Eichen oder Linden durchaus tausendjährige Exemplare bekannt sind.

Keiner kennt das wahre Alter von Wawerliebs Buche (auf einem alten Messtischblatt ist sie schon als besonderer Baum eingetragen[2]), doch ihre knorrige Gestalt zeugt von unglaublichem Beharrungsvermögen. Völlig ungeschützt ist sie den eisigen Stürmen des hier um Fürstenau besonders heftigen “Böhmischen Nebels”[3] ausgesetzt. Im Winter gefriert der mitunter wochenlange Nebel zu mächtigem “Anraum”, wie der Erzgebirgler die mächtigen Raueisanlagerungen an Bäumen, Zäunen und Masten nennt. Wenn dann irgendwann die Sonne gegen den Böhmischen Nebel gewinnt und auf den dicken Eispaketen glitzert, wirkt die Landschaft wie verzaubert. Und von keinem Baum geht dann eine solche Magie aus wie von Wawerliebs Buche!

Doch der Zauber kann auch schnell in Grauen umschlagen. Denn das Eis ist vor allem auch: sehr, sehr schwer. Mit heruntergebrochenen Zweigen und Ästen bietet die Fürstenauer Buche dann ein schreckliches Bild. Vielleicht ist aber auch die auf diese Weise immer wieder trainierte Fitness das Geheimnis für das Beharrungsvermögen – im Unterschied zu den an ausgeglichenes “Wohlfühl”-Waldklima gewöhnten Artgenossen der Buchenwälder, bei denen der Wegfall des gegenseitigen Schutzes fast immer zu Frostschäden, Rindenbrand und Bruchholz führt.

Vorteilhaft für die Buche ist andererseits, dass die extremen klimatischen Bedingungen hier nicht nur für den Baum, sondern ebenso für Pilze “zu Buche schlagen”. Deren Möglichkeiten, sich über die Eisbruchwunden rasch im Holz auszubreiten, sind vermutlich gleichfalls gehemmt.  Darüberhinaus lässt die eigentlich recht buchenuntypische dichte Verzweigung innerhalb der Krone möglicherweise aber auch auf besondere genetische Veranlagung schließen.

2014 erhielt der Baum den offiziellen Status eines Naturdenkmals.

Wie bei allen Buchen, ist auch hier der Schutz des Wurzelraumes vor Verdichtung – etwa durch schwere Landwirtschaftsmaschinen – unbedingte Voraussetzung für den langfristigen Erhalt eines der wohl malerischsten Bäume des Ost-Erzgebirges.

Quellen:

[1] Ullrich, Bernd; Kühn, Uwe; Kühn, Stefan (2009): Unsere 500 ältesten Bäume. BLV 2009

[2] https://geoportal.sachsen.de, Historische Karten (26.02.23)

[3] Grüne Liga Osterzgebirge (Hrsg.), 2007: Natur des Ost-Erzgebirges im Überblick. Band 2 Naturführer Ost-Erzgebirge. Sandstein Verlag Dresden, S.54ff

 

Kurzwürdigung zur Beantragung als Naturdenkmal (2010):

Fagus sylvatica

lokaler Name: “Wawerliebs Buche”

Nach dem “Deutschen Baumarchiv” gehört die markante Solitärbuche bei Fürstenau zu “Unseren 500 ältesten Bäumen” (gleichnamiges Buch von Bernd Ullrich, Stefan Kühn und Uwe Kühn, blv-Verlag, 2009). Wenngleich diese Aussage bezweifelt werden darf, blickt der Baum sicherlich auf mindestens zwei Jahrhunderte Geschichte zurück. Historische Daten fehlen zwar, aber wahrscheinlich handelt es sich um eine alte Hudebuche, von denen früher in der Gegend so einige im Freistand gehegt wurden, um große Kronen zu entwickeln. Die Mast mit nährstoffreichen Bucheckern war wichtig, damit vor allem die Ziegen der Bergbauern den strengen Winter überstehen konnten.

Die sehr wuchtige Rot-Buche steht inmitten von Weideland in der Nähe der Straße nach Oberlöwenhain (ca. 150 m nordöstlich von den Stallanlagen) und war bis zur Veröffentlichung obengenannten Buches nur den einheimischen und wenigen sonstigen Baumfreunden bekannt.

Markant sind zum einen die zwei mächtigen (4,10 m und 4,80 m Umfang), steil strebenden Haupttriebe, zu denen sich in etwa einem Meter Höhe der 6,80 m umfassende Grundstamm teilt. Zum anderen ist die eher untypische Fähigkeit dieser Buche bemerkenswert, auch im schattigen Innenkronenbereich viele, vitale Zweige zu entwickeln. Letzteres bewirkt den ausgesprochen dichtkronigen Eindruck. Hinzu kommt, dass der Baum – anders als fast alle anderen Rot-Buchen in dieser Höhenlage – kaum Anzeichen der “Neuartigen” (Ozon-)Waldschäden aufweist (keine Spießastigkeit, keine Wipfeldürre). Das Verzweigungsmuster legt nahe, dass es sich um eine besondere genetische Disposition handelt.

Der Stammbereich weist zwar bereits einige Höhlen auf, außerdem Schäden an den Wurzelanläufen infolge hier oft im Schatten lagernder Rinder, dennoch macht der Baum einen sehr vitalen Eindruck und zeigt keine größeren Fäulnisprozesse. Andernorts würden diese Schäden im Holz von Rot-Buchen einen rasch fortschreitenden Abbau und – damit einhergehend Stabilitätsverslust – nach sich ziehen. Vermutlich hemmt die exponierte Lage des Baumes (meist kühler Wind, außerdem lange Frostperiode) die Entwicklung von Pilzen. Die augenscheinliche Resilienz der alten Buche ist dennoch außergewöhnlich.

Die Unterschutzstellung wurde unter anderem von Dietrich Papsch, Schellerhau, vorgeschlagen.

Gemarkung: Fürstenau

Flurstücke: 237; 268/1

Koordinaten:  5417262 / 5623760

Umfang: 6,80 m (!)

Höhe:  16 m

Erlebniswert: freistehend auf Weideland, weithin sichtbar, aber kein öffentlicher Weg bis zum Baum

Gesundheitszustand: vital

Naturschutzwert: höhlenreich; Sitzwarte für Greifvögel etc.; Bucheckern als Nahrung für viele verschiedene Tiere

Pflegebedarf: ohne; Verkehrssicherung nicht nötig; wichtig: Wurzelbereich vor Landmaschinen, Meliorationsmaßnahmen und zu starker Rinderbelastung schützen!

2010

2022

 

Zeichnung Dietrich Papsch

Dezember 2020 (Foto: Anke Proft)

 

Fotos: Lukas Häuser