Naturschutzgebiet Trostgrund

(26 Hektar, einstweilige Sicherung 1972, Unterschutzstellung 1987, landesweite NSG-Register-Nummer: C51)

Eine Insel basenreichen Grundgesteins - Amphibolit - lässt südlich der Ortslage Rechenberg einen kleinen Buchenmischwaldkomplex mit außerordentlich artenreicher Vegetation gedeihen. Zwischen Kälberhübel und Ringelweg tritt in zahlreichen Sickermulden Quellwasser aus, in dem deutlich mehr Kalzium, Magnesium und andere Mineralstoffe gelöst sind als anderswo im Erzgebirge. Besonders im April/Mai, bevor die Laubbaumkronen den Waldboden beschatten, blühen entlang der Quellarme des Buchenbaches viele bunte Frühlingsblüher. Der strukturreiche, naturgemäß bewirtschaftete Wald bietet mit seinem hohen Anteil an Mischbaumarten und Totholz auch Lebensstätten für viele biotoptypische Tierarten.

 

 

Nutzungsgeschichte

Rechenberg gehörte zu den umfangreichen böhmischen Gründungen nördlich des Erzgebirgskammes, die von der Biliner (später: Riesenburger) Herrschaft ausgingen und die kolonisatorischen Kenntnisse der in Ossegg ansässigen Zisterziensermönche nutzten. Entlang des Trostgrundes bzw. über den angrenzenden Höhenrücken verlief ein wichtiger Verbindungsweg zwischen Osek/Ossegg und Rechenberg, "grenzüberschreitend" weiter dann über Frauenstein und Tharandt nach Meißen. Bis Anfang des 20 Jahrhunderts kam der "Alten Landstraße" noch Verkehrsbedeutung zu.

Die Rechenberger Umgebung war demzufolge seit Anfang des 13. Jahrhunderts über Wegeverbindungen erschlossen. Die Wälder wurden anfangs vor allem zur Glaserzeugung genutzt, die nach damaliger Technologie heute unvorstellbare Holzmengen benötigte. (Darüber informieren in der weiteren Umgebung des NSG mehrere Informationstafeln des "Glasmachersteigs".) Dann aber setzte sich auch hier ein weitaus konkurrenzstärkerer Holzverbraucher durch: der Freiberger Silberbergbau. Die wichtige Energieressource musste über die Mulde zur Bergstadt transportiert werden. Bereits 1438 wurde das Flüsschen erstmalig zum Holzflößen genutzt, der regelmäßige Flößereibetrieb begann jedoch erst 1532. In den nachfolgenden Zeit  muss eine recht rasante Abholzung im oberen Muldental erfolgt sein. Der Ort Holzhau (Name!) entstand. Weniger als hundert Jahre später machte es sich erforderlich, mit dem  - sehr  aufwendigen - Bau der Neugrabenflöße auch die Wälder des oberen Flöhatals zu erschließen. Der teilweise sanierte Floßgraben verlief u.a. einen Kilometer südlich des Trostgrunds und querte zwischen Cämmerswalde und Clausnitz die Wasserscheide Flöha-Mulde. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts endete die Zeit der Flößerei, die des Kohletransports per Eisenbahn von Nordböhmen  (Brüx) nach Sachsen (Freiberg), durch das Muldental, begann.

Doch nicht alles Holz wurde geflößt. Weit verbreitet war auch die Köhlerei. Holzkohle ließ sich erstens leichter transportieren, und hat zweitens einen wesentlich höheren Energiegehalt (was insbesondere für die Schmelzhütten wichtig war). Auch im Südosten des Naturschutzgebiets Trostgrund ist ein Köhlerplatz nachgewiesen.

Und immer mehr Gewerke mit Holzbedarf siedelten sich im oberen Muldental selbst an, zum Beispiel ein Sägewerk, aus dem sich mit dem Bau der Eisenbahn der Ort Bienenmühle entwickelte.

Es ist davon auszugehen, dass auch die Wälder des Trostgrundgebiets stark genutzt, oft übernutzt wurden. Im Zuge der Einführung "geregelter Forstwirtschaft" erfolgte um 1850 schließlich die Abholzung der meisten verbliebenen Bestände und die systematische Neuaufforstung  der betreffenden Flächen. Wie fast überall im Erzgebirge kam dabei vor allem die Baumart Fichte zum Einsatz, die auch auf degradierten Böden gedeiht und bereits nach wenigen Jahrzehnten vielseitig verwendbares Holz liefert. Auf den nährstoffreichen Böden über dem Amphibolit-Gestein am linken Hang des unteren Trostgrundes jedoch wurde mit Buchen aufgeforstet, die das Standortspotential besser umsetzen können. Die heute vorzufindenden Altbäume im NSG Trostgrund sind mithin rund 160 Jahre alt.

1972 erfolgte die einstweilige Sicherstellung dieses arten- und strukturreichen Buchen-Mischwaldkomplexes, fünfzehn Jahre später die endgültige Festsetzung als Naturschutzgebiet. Der Trostgrund befindet sich darüberhinaus auch innerhalb des Landschaftsschutzgebiets Osterzgebirge (das 2015 neu abgegrenzt und an bundesdeutsche Rechtserfordernisse angepasst wurde). Zusätzlich reicht der 1990 gegründete Naturpark Erzgebirge/Vogtland bis zur Regierungsbezirksgrenze  Chemnitz/Dresden und umfasst damit auch die Gemeinde Rechenberg-Bienenmühle.

Als Teil des FFH-Gebiets (besonderes Schutzgebiet entsprechend der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie)"Buchenwälder bei Rechenberg und Holzhau" gehört das NSG Trostgrund zum EU-weiten Schutzgebietssystem "Natura 2000". In der Kurzfassung des zugehörigen Managementplans steht:  "Der im Planungsgebiet erfasste Lebensraum ist der in Sachsen größte, nicht auf einem Basaltdurchbruch stockende Waldmeister-Buchenwald. Die Fläche ist damit von überregionaler Bedeutung." Zusätzlich ist das NSG Bestandteil des (größeren) EU-Vogelschutzgebiets "Waldgebiete bei Holzhau".

Bereits seit einigen Jahrzehnten orientiert sich die forstliche Bewirtschaftung des Naturschutzgebiets an naturnaher Waldwirtschaft mit kleinflächigen ("femelartigen") Nutzungen bzw. Baumentnahmen zur Verjüngungsförderung. Nach dem Rückgang der Luftschadstoff-Belastungen zeigen die umfangreichen forstlichen Bemühungen zur Wiedereinbringung der Weiß-Tanne erfreuliche Erfolge. 

Naturraum

Anders, als es die Bezeichnung vermuten lässt, tangiert das Naturschutzgebiet Trostgrund den Bach gleichen Namens nur auf reichlich 100 Metern Lauflänge im Nordosten. Das NSG umfasst vielmehr den Nordost-exponierten Hangbereich des unteren Trostgrundes, südlich des Kälberhübels. Mit gerade einmal 26 Hektar handelt es sich zwar um ein relativ kleines Schutzgebiet (das sechstkleinste der 20 Osterzgebirgs-NSG auf deutscher Seite), doch steigt es von 600 m Höhenlage am Trostgrundbach bis auf rund 720 m in der Nähe des Ringelwegs an und umfasst eine breite Standortspalette.

Im Unterschied zu den verschiedenen Gneisen der Umgebung (sog. Rotgneis am Kälberhübel und entlang der Alten Landstraße; grauer Biotitgneis am Ringelweg) bedeckt das NSG einen Großteil des mit zirka einem Quadratkilometer größten Amphibolitvorkommens der Region. Amphibolite waren (in grauen Vorzeiten, vor den Gebirgsbildungsprozessen des Karbons) einmal basische Magmengesteine wie Diabas oder Gabbro, bevor sie im Verlaufe der Erdgeschichte wieder in tiefere Erdzonen gelangten und unter hohem Druck und heißen Temperaturen umgewandelt - metamorphisiert - wurden, genau wie dies bei den Gneisen des Erzgebirges geschah, die jedoch auf überwiegend saure Ausgangsgesteine zurückgehen. Ein weiteres Amphibolithvorkommen zeigt übrigens die bis zu 10 m hohe Felswand des Husarensteins in Niederclausnitz. Der Trostgrund-Amphibolit besteht zu 16 % aus den wichtigen Pflanzen-Nährelementen Kalzium und Magnesium - beim Gneis sind dies durchschnittlich nur rund 3 %, beim sauren Quarzporphyr gar nur 0,5 %.

Mit 950 mm Jahresniederschlag (bei 5,5 oC) ist das Gebiet überdurchschnittlich regen- und schneereich. Ein Großteil dieser Niederschläge versickert im klüftigen Gestein, reichert sich dort mit den Kalzium- und Magnesiumverbindungen an. In den zahlreichen kleinen Quellmulden des Naturschutzgebiets tritt es dann als mineralreiches Sickerwasser wieder zutage. Selbst in trockenen Sommern fördern die Sickerquellen für gewöhnlich reichlich Wasser. Die Quellbächlein sammeln sich zum Buchenbach, der auf ca. 800 Metern das NSG quert und in den Trostgrund mündet.

Das vom basischen Grundgestein bedingte, überdurchschnittlich reichliche Nährstoffangebot spiegelt sich auch in den Böden wider. Es herrschen tiefgründige, nährstoffreiche Braunerden vor. Die gegenüber Fichtennadeln viel besser zersetzliche Laubstreu sorgt zusätzlich für einen guten Humuszustand.

Vegetation

Basische Böden ermöglichen das Gedeihen anspruchsvollerer Waldpflanzen, die Waldmeister-Buchenwälder prägen. Doch gibt es die dafür erforderlichen Grundgesteine  im Erzgebirge relativ selten - und wenn, dann eher kleinflächig (z.B. Basaltkuppen). Insofern beherbergt die Rechenberger Amphibolit-Insel eine üppige Waldvegetation, wie man sie in der Region nicht oft vorfindet.

Die Standortvielfalt bringt eine enge Verzahnung verschiedener Buchenwaldgesellschaften mit sich.  Am Oberhang, wo die Böden aus der Verwitterung nährstoffärmerer  Gneise resultieren, wachsen "normale" bodensaure Hainsimsen-(Tannen-Fichten-)Buchenwälder. Dieser "Herzynische Bergmischwald", wie er früher bezeichnet wurde, wäre von Natur aus im Ost-Erzgebirge die vorherrschende Pflanzengesellschaft - wenn der Mensch nicht die meisten Wälder gerodet und den verbliebenen Rest übernutzt und schließlich in Fichtenforsten umgewandelt hätte. Von den charakteristischen Pflanzenarten der Hainsimsen-Buchenwälder des Berglandes findet man im NSG Trostgrund unter anderem Quirlblättrige Weißwurz, Wald- und Wolliges Reitgras, Schattenblümchen und Purpur-Hasenlattich. Die gesellschaftsbezeichnende Art Schmalblättrige Hainsimse indes tritt hier selten auf.

Wo der Amphibolit für basischere (also stärker mit Kalzium und Magnesium angereicherte) Böden sorgt, und wo es nicht zu feucht ist, bringen zahlreiche weitere Pflanzenarten Vielfalt in die Krautschicht. Hier handelt es sich um Waldmeister-Buchenwald bzw. um dessen Gebirgsform, den Zwiebelzahnwurz-Buchenwald. Waldmeister und die im Mai wunderschön blauviolett blühende (danach aber schon bald von Rehen kräftig abgefressene) Zwiebel-Zahnwurz sind im NSG Trostgrund verbreitet zu finden, außerdem Goldnessel, Wald-Bingelkraut, Frauen- und Eichenfarn, seltener auch Buchen- und andere Farnarten.

In den feuchten Mulden und entlang der kleinen Wasserläufe kommt die Buche an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Die Wurzeln der auf "normalen" Standorten so konkurrenzkräftigen Rotbuche sind empfindlich gegen nasse Böden, viel empfindlicher als Eschen, Berg-Ahorn, auch Fichten.  Wo die genannten Baumarten hier gemischt mit Buchen wachsen, wird die Gesellschaft als Springkraut-Buchenwald (früher: Eschen-Buchenwald) bezeichnet.  Typische Bodenpflanzen sind Großes Springkraut, Sumpf-Pippau, Mittleres Hexenkraut, Hain-Sternmiere, Berg-Weidenröschen, Kriechender Günsel, Wald-Ziest, vereinzelt Bunter Eisenhut.

In den feuchtesten Bereichen muss die Buche dann ihren nässeverträglicheren Konkurrenten fast gänzlich weichen. Die von Eschen dominierte Waldgesellschaft heißt Erlen-Eschen-Quellwald. Neben die auch hier noch präsenten Arten der Springkraut-Buchenwälder treten u.a. Hain-Gilbweiderich, Gegenblättriges Milzkraut, Berg-Ehrenpreis, Hohe Schlüsselblume, Sumpf-Dotterblume und Wald-Schachtelhalm. Vor allem in der schmalen Trostgrundaue fallen Weiße Pestwurz, Wolliger Hahnenfuß, Bitteres Schaumkraut, Rauhaariger Kälberkropf und Alpen-Milchlattich auf.

Zu den botanischen Raritäten des Naturschutzgebiets gehören Frühlings-Platterbse, das unscheinbare Sanikel sowie die prächtige Türkenbund-Lilie. Ebenso tragen noch einige Exemplare Berg-Ulme und drei Alt-Tannen (mit Naturverjüngung) zur Bedeutung des NSG bei. Reichlich Totholz sorgt für Lebensraum seltener Pilzarten.

Problematisch indes ist die offenkundige, zunehmende Eutrophierung auch des Trostgrundgebiets. Über die Luft eingetragene Stickstoffverbindungen (u.a. aus Fahrzeugabgasen) sowie vermutlich auch die durch die Kalkungen der umliegenden Forsten verursachte Mobilisierung im Boden gebundener Stickstoffverbindungen lassen Brombeerranken wuchern wie nie zuvor, und in den feuchten Senken machen Brennnesseln der Waldflora Konkurrenz.

Zu erwähnen ist schließlich noch eine Feuchtwiese am Trostgrundbach unterhalb des Naturschutzgebiets, wo die Orchidee Breitblättriges Knabenkraut zu finden ist.

Tierwelt

Im Gegensatz zur recht gut bekannten Vegetation des Trostgrundgebiets liegen über die hier lebenden Tiere nur wenige Informationen vor. Lediglich die Vogelwelt steht unter ornithologischer Beobachtung. 56 Vogelarten wurden bislang im Naturschutzgebiet nachgewiesen.  Dazu gehören Raufuß- und Sperlingskauz sowie Schwarz- und Grauspecht, denen unter anderem das EU-Vogelschutzgebiet "Waldgebiete bei Holzhau" gewidmet ist. Zu den Nachnutzern der von Schwarzspechten gezimmerten Höhlen in den Buchenstämmen zählen Hohltauben, während Trauerschnäpper (neben vielen weiteren Singvögeln) die kleineren Buntspechthöhlen beziehen. Sporadisch tritt im NSG auch der Zwergschnäpper auf. Weiterhin umfasst die Vogelwelt hier u.a. Waldkauz und Waldohreule, Ringeltaube, Gartenrotschwanz, Fichtenkreuzschnabel und Waldlaubsänger. Am Trostgrundbach lässt sich mitunter eine Wasseramsel beobachten. 

Naturerlebnismöglichkeiten

Mehrere markierte Wanderwege tangieren das Naturschutzgebiet, so im Westen der Fernwanderweg Eisenach-Budapest (auf dem Georgenthaler Weg) und der Rundweg um Rechenberg entlang des Trostgrundbaches. Am unteren Ausgang des Trostgrundes befindet sich eine große Wanderhütte, im Bach wurde eine kleine Kneipp-Anlage geschaffen.

Mehrere Forstwege (Köhlersteig, Schmiedsteig, Buchenweg, Krummer Weg) erschließen das NSG zusätzlich. Auf einem Teil dieses Wegenetzes macht seit längerer Zeit ein drei Kilometer langer  Lehrpfad auf die Natur aufmerksam - wobei die Ausschilderung inzwischen erneuerungsbedürftig ist.  Der zuständige Revierförster bietet sehr kenntnisreiche, verständliche Führungen an.

Der Trostgrund ist problemlos mit der Freiberger Muldentalbahn zu erreichen, deren Haltepunkt Rechenberg etwa 500 m vom Naturschutzgebiet entfernt liegt. 

Am Ökobad Rechenberg (Muldentalstraße Richtung Bienenmühle) befindet sich seit 2014 ein Infopunkt des Naturparks Erzgebirge/Vogtland.

weitere naturkundlich interessante Ziele in der Umgebung:

 

  • Burgfelsen Rechenberg (im Frühling gelb von Felsen-Steinkraut)
  • Bergwiesenfest (immer am zweiten Juni-Sonntag im Burghof)
  • Flößerhäuschen Rechenberg (kleines Museum des Heimatgeschichtsvereins)
  • artenreiche Wiesen der Muldenaue
  • Bergwiesen in und um Holzhau
  • Buchenwälder nördlich von Holzhau, insbesondere Brett-Delle
  • grenzüberschreitender Glasmachersteig Deutschgeorgenthal - Teichhaus
  • Neugrabenflöße bei Český Jiřetín/Georgendorf
  • Puklá skála/Sprengberg (Aussicht zum Erzgebirgskamm)
  • Bergwiesenreste am Batteleck/Žebrácký roh