Der Wacholder im Osterzgebirge

Der Wacholder gilt als eine unserer anspruchslosesten heimischen Gehölzarten und ist in Europa von Skandinavien bis ans Mittelmeer und vom Flachland bis ins Hochgebirge verbreitet. In Sachsen und speziell dem Osterzgebirge erlitt die Art in den vergangenen 200 Jahren allerdings einen dramatischen Rückgang. Im Rahmen eines aus Mitteln des Naturschutzfond der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt geförderten Projektes zur "Wiederansiedlung des Wacholders im Osterzgebirge" wird sich die Grüne Liga Osterzgebirge e.V. in den Jahren 2014 bis 2019 intensiv mit dieser Art auseinandersetzen, geeignete Standorte für eine Wiederausbringung auswählen, Eigentümerabsprachen führen und insgesamt 130 kleine Wacholderpflanzen im Müglitztalgebiet auspflanzen. Damit soll mittelfristig die Grundlage für eine auf diesen Pflanzbeständen aufbauende, natürliche Wiederbesiedlung geeigneter Standorte gelegt werden.

Projektlaufzeit: 2014 – 2019

Förderung: Naturschutzfond der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt (LANU)

Der Wacholder an der Teufelskanzel bei Glashütte genießt als Naturdenkmal besonderen Schutz.

Hintergrund und Ziele des Projekts

Aktuell wird der Gemeine Wacholder in der Roten Liste Sachsens als stark gefährdet geführt, langfristig ist weiter mit einem starken Rückgang zu rechnen. Das war allerdings noch nicht immer so. Als typischer Kulturfolger des Menschen ist die Art in vorindustrieller Zeit verschiedenen Literaturangaben zufolge auch im Osterzgebirge häufig zu finden gewesen. Die über Jahrhunderte durch Streunutzung, Waldweide oder Niederwaldbewirtschaftung übernutzten und dadurch aufgelichteten Wälder boten dem Wacholder ausreichend Licht zum wachsen – die Grundvoraussetzung dieses ansonsten extrem anspruchslosen Gehölzes war damit über lange Zeiträume erfüllt. Mit der im 19. Jahrhundert, insbesondere mit Fichte, Einzug haltenden Kahlschlagwirtschaft sowie der stückweisen Aufgabe anderer Waldnutzungsformen verschlechterten sich die Standortverhältnisse für den Wacholder allerdings zunehmend. Heute ist die Art bis auf wenige Einzelsträucher und einen kleineren Bestand bei Niederschlottwitz komplett aus dem Osterzgebirge verschwunden. Im Rahmen dieses Projektes sollen an mehreren geeigneten Standorten kleinere, reproduktionsfähige Bestände des Wacholders angelegt werden. Diese könnten später zu „Keimzellen“ einer natürlichen Wiederbesiedlung geeigneter Flächen im Müglitztalgebiet werden.

Osterzgebirgische Wacholder sind zumeist auf Extremstandorte zurückgedrängt: trockene und/oder felsige (Steil-)Hanglagen, die baumfrei sind oder Lücken im sonst dichten Kronendach lassen.

Ökologie des Wacholders

Der Gemeine Wacholder (Juniperus communis) gehört zur Familie der Zypressengewächse und ist die weltweit am weitesten verbreitete Koniferenart. Da er hinsichtlich möglicher Boden-, Wasser- und Temperaturverhältnisse sehr anpassungsfähig ist, besiedelt er sowohl feuchte als auch extrem trockene Standorte, basische als auch saure Ausgangsgesteine. Einzige Bedingung für eine Etablierung ist ein ausreichender Lichtgenuss, was für die Art heute in vielen Kulturlandschaften der wesentliche Grund für die starken Bestandesverluste ist.

Der Wacholder ist zweihäusig, d.h. es gibt sowohl männliche als auch weibliche Pflanzen. Zur Blütezeit im April/ Mai bilden die dann charakteristischen, männlichen Blüten Unmengen Pollen, die vom Wind zu den weiblichen Pflanzen getragen werden. Sogenannte Bestäubungstropfen an den sehr unauffälligen Blüten „fangen“ den Pollen dann im Idealfall ein, im Laufe von zwei bis drei Jahren wachsen die zur Reifezeit blau-schwarzen „Wacholderbeeren“ - die botanisch gesehen eigentlich Zapfen sind - heran. Diese enthalten bis zu 30% Zucker, was sie als Nahrung für viele Arten interessant macht. Die Verbreitung der Samen erfolgt weitgehend durch Tiere (Zoochorie), hauptsächlich durch Vögel wie die Wacholderdrossel, aber auch Kleinsäuger. Allerdings sind die Anteile keimungsfähiger Samen, abhängig vom Alter der Sträucher, dem Standort und dem Befallsdruck phytophager Insekten (wie Schildwanzen, Miniermotten und Milbenarten) mitunter sehr gering, die Keimruhe durch keimhemmende Stoffe in der Samenhülle nur schwer zu überwinden und geeignete Keimnischen rar – Hauptgründe für das geringe Naturverjüngungspotential des Wacholders.

Weibliche Wacholderblüte mit gut sichtbaren Bestäubungstropfen und männliche Blüte

Wacholder wachsen gewöhnlich (natürlich in Abhängigkeit vom Standort) sehr langsam, können allerdings sehr alt werden (bis 600 Jahre). Er bildet säulenförmige, strauchige und kriechende Wuchsformen aus, welche höchstwahrscheinlich genetisch bedingt sind. Die Art kommt ohne klassische Vegetationsruhe oder Knospenstadien aus, wenn die Temperatur- und Wasserverhältnisse erlauben erfolgt auch ein Wachstum. Die grau-grünen, in dreizähligen Quirlen von der Sproßachse abstehenden Nadeln sind sehr starr und spitz, sie schützen ältere Pflanzen damit erfolgreich vor Wildverbiss, wogegen die Zweige und Nadeln von Jungpflanzen weicher sind und dadurch verbissen werden.

Unreife (grüne) Beerenzapfen und die ein Jahr älteren, reifen, blauen Beerenzapfen des Wacholders sind meist nebeneinander am Zweig zu finden
Osterzgebirgische Wacholder bilden meist mehrstämmige, liegende oder strauchige Wuchsformen, säulenförmige Exemplare gibt es in der freien Natur hier nicht. An den dicken, knorrigen Stämmlingen kann man das hohe Alter der Pflanzen erahnen.

 

Historische und aktuelle Verbreitung im Müglitztalgebiet

Zur Ermittlung ehemaliger Standorte des Wacholders im Osterzgebirge wurden 2015 Recherchen in verschiedenen Datenquellen durchgeführt. Diese umfassten insbesondere ältere Literatur (floristische Beschreibungen, heimatkundliche Abhandlungen über das Osterzgebirge, „Reiseführer“), aber auch das zentrale Herbar des Botanikinstitutes der TU Dresden sowie Sammlungen des Osterzgebirgsmuseums Lauenstein (Archive Schloss Lauenstein). Obwohl das Osterzgebirge insbesondere in botanischer Hinsicht schon frühzeitig sehr detailliert und insbesondere im Müglitztalgebiet umfangreich beschrieben wurde, konnten kaum Literaturnachweise gefunden werden. Die Nachweise konzentrieren sich um Glashütte und Schlottwitz, wo auch heute noch die meisten Wacholder zu finden sind. Literaturhinweise zu weiteren rezenten (wenngleich nur Einzelpflanzen) Standorten finden sich für das östlich der Müglitz liegende Gebiet um Bad Gottleuba – Oelsen.

Zusammenfassend sind folgende frühere Vorkommen belegt:

  • Umgebung von Glashütte häufig vorkommend, insbesondere zwischen Wittigkreuz und Kalkhöhe, um die Kalkhöhe sowie in Buchen-Eichen-Trockenwald östlich der Hirtenwiesen. In diesen Bereichen hat der Wacholder wohl größere, individuenstarke Bestände gebildet.
  • Allgemein benannt sind als Vorkommen die „Höhen hinter der Müglitz von oberhalb Bärenhecke bis gegen Maxen“
  • Der Lederberg bei Schlottwitz wird als „Maßstab“ für besonders schöne Bestände genannt, wobei mit dem Ortsbegriff Lederberg wahrscheinlich der gesamte östliche Müglitzhang um Schlottwitz (zwischen Hirschsteigkoppe und dem eigentlichen Lederberg) gemeint ist
  • Bereich zwischen Bahrebachtal und Gottleuba, mehrere benannte (zum Teil noch heute existierende) Einzelstandorte sowie Hinweise, dass Wacholder durch eine beweidungsbedingte (Schafe und Ziegen) „Verheidung“ auch dort häufiger und individuenstärker vorkamen
  • Einzelnachweis auf Steinrücken „um Geising“ in der Nähe von Löwenhain (1960er Jahre)
  • Einen indirekten Nachweis liefert eine Veröffentlichung von Otte (2006). Dieser beschreibt einen historischen Nachweis der zwingend an Juniperus communis gebundenen Flechtenart Vulpicida juniperinus (Herbarbeleg aus dem Jahr 1865) aus Altenberg im Erzgebirge

Bestätigt wurde damit die Vermutung, dass der Wacholder sein Hauptverbreitungsgebiet in den unteren Lagen des Osterzgebirges hatte. Diese, insbesondere der Raum um Glashütte und Schlottwitz, werden am häufigsten genannt und meist mit größeren Beständen beschrieben. Leider bieten die beschriebenen Vorkommensgebiete heute auf größerer Fläche kaum noch geeignete Wachstumsverhältnisse für Wacholder. Insbesondere die Wälder um die Glashütter Kalkhöhe, die Hirtenwiesen sowie Bereiche um das Wittigkreuz sind heute weitgehend hochwaldbestockt. Aktuelle Vorkommen bei Johnsbach sowie der  Literaturhinweis aus Löwenhain und (höchstwahrscheinlich Wildvorkommen) Altenberg lassen stark vermuten, dass Wacholder auch in den höheren bzw. Hoch-Lagen des Osterzgebirges vorkamen. Hinsichtlich ihrer standörtlichen Amplitude kommen diese mit den harten klimatischen Verhältnissen durchaus zurecht. Daher sollten einzelne Nachpflanzungen auch dort durchgeführt werden.

Aktuelle Vorkommen im Müglitztalgebiet

Derzeit lassen sich für das Projektgebiet Müglitztal und angrenzende Gebiete drei Vorkommensschwerpunkte festlegen:

  • Müglitzhänge zwischen Glashütte und Schlottwitz: Wuchsorte oftmals schwer zugänglich in felsigen Bereichen, das größte Vorkommen mit reichlich 10 Pflanzen befindet sich am Edelmannsteig bei Niederschlottwitz
  • Johnsbach: drei isolierte Einzelstandorte, allerdings sehr stattliche Pflanzen
  • Einzelstandorte östlich der Müglitz: diese umfassen ein weites Gebiet mit einzelnen Pflanzen bei Liebstadt, Wingendorf, Gottleuba sowie im Oelsener Raum

Insgesamt ist im beschriebenen Raum von etwa 40 verbliebenen Pflanzen auszugehen. Über die Meldung weitere Fundorte (natürliche Standorte) würden wir uns  sehr freuen! 

Wacholder am Fuchsberg bei Johnsbach